Zur Ernennung und Weihe von Abt Hiob / Iov (Bandmann) zum Bischof von Stuttgart

Natürlich ist jeder Geistliche im weiteren Sinn des Wortes ein „Religions-lehrer“, insofern er täglich in der Verkündigung, Katechese, Jugendarbeit usw. den christlichen Glauben, der sich keineswegs von selbst versteht, erklären muss.
Ja, sogar alle Christenmenschen sind aufgerufen, die eigene Religion zu „lehren“, insofern wir „stets bereit“ sein sollen, „jedem Rede und Antwort zu stehen“, der von uns „Rechenschaft über die Hoffnung fordert“, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).
Doch im engeren Sinn des Wortes haben Religionslehrerinnen und -lehrer eine staatlich anerkannte fachliche wie pädagogische Ausbildung, die sie befähigt, in Schulen lehren zu dürfen.
In diesem zuletzt genannten Sinn wirkte der von der Russische Orthodoxe Kirche im Ausland (ROKA) kürzlich ernannte und geweihte Bischof von Stuttgart, Abt Hiob (Bandmann), auch als Religionslehrer im Freistaat Bayern. Ob ihm dafür noch Zeit bleiben wird, ist zu hoffen, gilt aber angesichts der anstehenden Aufgabenfülle eher als unwahrscheinlich. Als Bischof wird sich seine „Lehrbefugnis“ nun über sein ganzes Bistum erstrecken; die Gläubigen suchen Antworten.
In der Dankensrede anlässlich seiner Ernennung am 9. Dezember 2021 in der Synodal-Kathedral der ROKA / ROCOR in New York lassen einige Formulierungen aufhorchen, in denen die Sorge des designierten Bischofs um die Jugend und ihre Bildung anklingt.
Aus dem englischen Redetext seien hier folgende Passagen zitiert, für deren Übersetzung allein der Verfasser dieses Beitrags verantwortlich ist (es gilt das gesprochene bzw. veröffentliche Wort) und die im Allgmeinen die Situation in Westeuropa, speziell aber in Deutschland betreffen.
Vorweg beschreibt Abt Hiob das aktuelle religiöse Klima aus seiner Sicht:

„Mit Gottes Hilfe stehen wir widerstrebend der sogenannten Neuen Sozialethik der westlichen Welt gegenüber. Weil wir die Gebote des Evangeliums und der traditionellen christlichen Lebensweise bekennen, werden wir Extremisten, ja sogar Feinde genannt. Die atheistische und zynische Gesellschaft hält sich für besser als die christliche Gesellschaft, weil sie den moralischen Rahmen der christlichen Beziehungen zwischen den Menschen nicht akzeptiert; indem sie Freiheit propagiert, verbirgt sie ihren eigenen moralischen Verfall. Darüber hinaus fordert sie die Zustimmung zu ihrer Politik, da sie die neue Ethik für fortschrittlicher hält als die alten moralischen Prinzipien, wobei sie danach strebt, der Natur die gleiche Rechte wie dem Menschen zu gewähren und gleichzeitig die Menschheit als Parasiten dieses Planeten bezeichnet.“
Diese latent dualistische, in der Rede weiter ausgeführte Kritik des homo capitalisticus, also des westlichen Menschen in einer – anscheinend oder doch bloß scheinbar? – zunehmend antichristlichen und allein auf Wohlstandsvermehrung ausgerichteten Mehrheitsgesellschaft, ist paradoxerweise nur möglich aufgrund der Voraussetzung, die sie kritisiert: aufgrund einer Freiheit – hier die der Rede und Presse –, die weltweit selten und nicht überall selbstverständlich ist.
Ferner kritisiert die Rede den Gebrauch der Meinungsfreiheit, insoweit es in der pluralen Gesellschaft Stimmen gibt, die Christen „Extremisten“ und „Feinde“ nennen; tatsächlich sind dergleichen Invektiven so alt wie das Christentum selbst und notwendige Begleiterscheinungen des scandalon crucis.
Und was hat es mit der „Neuen Sozialethik“ auf sich? Wer hat sie formuliert, oder diktiert sie als „ungeschriebenes Gesetz“ das Zusammenleben westlicher Kulturen? Kann schließlich eine Gesellschaft, die noch eine Ethik besitzt, als im „moralischen Verfall“ begriffen bezeichnet werden? Sicher, Dankesworte wollen und sollen keine Vorlesung sein.
Insgesamt fordert eine solche zugespitzte Gesellschaftkritik dazu heraus, sie entweder ganz abzulehnen (denn in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft mit sozialer Marktwirtschaft überwiegt gerade aus christlicher Sicht das Positive bei weitem das Negative, wie u. a. die Migrationsbewegung auch aus dem Osten zeigt), ihr ganz zuzustimmen (wenn „der Westen“ undifferenziert und ohne eine „Unterscheidung der Geister“ einseitig negativ betrachtet wird) oder aber – wie als Ergebnis jeden guten Religionsunterrichts – am besten eine eigene gut begründete Haltung zu entwickeln.
Dennoch ist sie als Einleitung der weiteren Ausführungen zu begreifen:


„Wir haben auch nie den Fortschrittskult – ob kapitalistisch oder sozialistisch – unterstützt und werden ihn nicht unterstützen, da er die Natur und das menschliche Wohlergehen zerstört. In Deutschland erreichen all diese Angelegenheiten die Familien unserer Gemeindemitglieder […] Mit der Ankunft einer neuen Welle russischsprachiger Migranten, die den Großteil unserer Gemeinden ausmachen, sind diese Menschen heute viel stärker dem Einfluss des westlichen Geistes und der deutschen Kultur ausgesetzt. Für die Kirche liegt hier eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit.“
Er fährt fort:

„Wenn ich das Gesetz Gottes lehre, begegne ich ständig Kindern, die gewissermaßen in zwei getrennten Welten leben und dies normalerweise nicht erkennen. In ihnen sind zwei parallele, aber nicht miteinander verbundene Weltbilder am Werk. Diese äußern sich je nachdem, in welcher Sprache einer mit ihnen spricht oder welche Themen und Konzepte jemand mit ihnen diskutiert. Diese Kinder oder Jugendlichen können zum Beispiel ruhig und mit voller Zustimmung das Wort des Evangeliums oder der heiligen Väter hören, aber wenn sie auf einen Konflikt mit zeitgenössischen Strömungen hingewisen werden, beginnen sie zu wiederholen, was sie jeden Tag in der Schule, in den Massenmedien und in sozialen Medien hören, bestehen sogar darauf und geben die Positionen ihres Freundeskreises weiter.“
Sollte dies die Diagnose sein, so bleibt der designierte Bischof auch die Therapie nicht schuldig, für die er vier „Heilmittel“ – die tägliche Metanoia sicher vorausgesetzt – empfiehlt , nämlich
1. eine verbesserter Ausbildung der Geistlichen („I see only one possibility of battling this: it is necessary to improve the education of our clerics“);
2. die Intensivierung einer auf die Lebenssituation sowie Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausgerichteten Katechese sowie Jugendarbeit, was auch weitere verstärkte Anstrengungen bei der Etablierung des Orthodoxen Religionsunterricht an staatlichen Schulen seitens der orthodoxen Verantworlichen (Schüler, Eltern, Priester, Bischöfe) einschließt („This shows us that we must increase our efforts in working with children in all facets of life, including broadening and lifting the level of teaching.“);
3. die zunehmende „organische“ Einbeziehung der deutschen Sprache in die Liturgie etwa bei den Lesungen, ohne die jeweilige Tradition zu verdrängen („Using such practices in divine services and the development of German liturgical language must happen organically“);
4. das Hörbarmachen der eigenen Überzeugungen bei Vertretern aus Politik, Presse und sozialen Medien („it is necessary to reform relations with government authorities and representatives of mass media“). Dies wird vermutlich am erfolgreichsten sein, wenn es in einer ausgewogenen, diese Gesellschaft im Kern wertschätzenden Sprache geschieht.
Das klingt nach den Grundzügen eines durchdachten, auf Erfahrungen – eines Religionslehrers – basierenden Programms. Dazu ist dem neuen, am Freitag, dem 10. Dezember 2021, geweihten Bischof Hiob gemäß einer abgewandelten 3G-Regel zu wünschen: 1. Gottes Segen, 2. Gesundheit und 3. gutes Gelingen mit Gottes Hilfe.
Auf viele Jahre!

