Rezension von George Martinis‘ Salziger Ziegenkäse vor Omas Kamin. Die Geschichte eines Glaubensweges

(Quelle: Pneuma-Verlag)
Dem deutsch-griechischen Autor George (Georgios) Martinis, Jahrgang 1976, der in Wickede an der Ruhr lebt, gelingt auf weniger als 100 Seiten ein ausgesprochenes Kunststück: Er erzählt knapp, einfach und unprätentiös und dennoch so ausführlich wie nötig die Geschichte seines persönlichen Glaubensweges, ohne voyeuristisch zu werden. Wo sie teils anrührend wird, geschieht dies eher nebenbei und ohne jede pathetische Effekthascherei.
Vor allem erzählt der Tennislehrer ganz natürlich und unaufdringlich davon, wie er auf seinem Glaubensweg durch zwei Frauen geprägt wurde: durch Irene, einer Frau aus seiner Nachbarschaft, die ihn als Kind in ihren Sing- und Bibelkreis einlädt und bis zu ihrem Lebensende begleitet, und durch seine Oma Katerina, einer lebensklugen und im besten Sinnen frommen Frau aus Ioannina in Griechenland. Von ihr lernt er u. a., alles der Führung Gottes zu überlassen und auch dann noch auf Ihn zu vertrauen, wenn alle vermeintlich guten menschlichen Pläne sich zunächst nicht und schließlich anders als gedacht erfüllen.
Das wichtigste „katechetische Instrument“ beider Frauen ist jeweils ihre aufrichtige Liebe zu Gott und den Menschen, die sich auf den noch kindlichen Ich-Erzähler überträgt:
„Alle Kinder waren voller Freude und sangen mit. Irene sang mit uns Lieder von Jesus. Sie sang die Lieder so lebendig, dass meine Schwester und ich in unseren Herzen dieses besondere Gefühl verspürten, wie wir es immer in Griechenland verspürten, wenn Oma Katerina zu uns sagte >se agapo< [ich liebe dich].
Wir wussten noch nicht so genau, wer dieser Jesus ist, von dem Irene sprach und den sie so authentisch besang. Wir spürten nur, dass Liebe in uns und um uns war, denn alle Kinder – egal aus welchem Land sie kamen und welcher Konfession sie angehörten – sangen mit uns und waren fröhlich. Irenes Augen leuchteten, wenn sie von Jesus sprach. Das berührte mich sehr, und Maria und ich wollten unbedingt mehr über diesen Jesus erfahren, den wir nicht sehen konnten, aber doch irgendwie spürten“ (10).
Aufgrund dieser Erfahrungen wächst in ihm ein Urvertrauen (vgl. auch 53) zu Gott und den Menschen heran. Es ermöglicht ihm, dass daraus „Glaube“ entsteht in den beiden wichtigsten Bedeutungen des Wortes, nämlich als Glaube an Gott und als Vertrauen Menschen gegenüber:
„Unsere Eltern erklärten uns, dass Jesus der Sohn Gottes ist und uns liebt. Wir zweifelten in unserem kindlichen Glauben nicht daran und vertrauten darauf, dass unsere Eltern die Wahrheit sagten. Nun hatten wir an einem schönen Tag einiges über Jesus erfahren und konnten aufgrund einer byzantinischen Ikone, auf der Jesus mit der heiligen Mutter Maria abgebildet war, auch besser verstehen, wen wir mit Irene und den anderen Kindern so fröhlich besungen hatten“ (10).
Auch die Vermittlungsproblme, auf die orthodoxe Kinder und Jugendliche stoßen, wenn sie sich einer ihnen nicht verständlichen Liturgie annähern, streift er am Rande:
„Meine Eltern besuchten mit uns [sc.: mit ihm und seiner Schwester Maria] den griechisch-orthodoxen Gottesdienst an Weihnachten, zu Ostern und gelegentlich an einigen Sonntagen. Diese Gottesdienste waren für Maria und mich wie eine Pflichtveranstaltung, denn wir konnten den Gottesdienst nicht verstehen. Aufgrund der zahlreichen Worte aus dem Altgriechischen waren wir nicht in der Lage, aus diesen Liturgien etwas zu verinnerlichen und schon gar nicht zu praktizieren.“ (11; auf S. 32 aber auch ein Hinweis, warum die Orthodoxe Kirche in Griechenland ein so hohes Ansehen hat).
Welche gravierenden Folgen das liturgische Nichtverstehen hat, zeigt er anschaulich:
„Somit entwickelten wir ein verkehrtes Gottesbild. Wir hatten den Eindruck, dass Jesus nur da ist, wenn man etwas von ihm haben will. Dann muss man in den Gottesdienst, den man nicht versteht, und mit einem Gebet und etwas Glück gibt Gott dann einem das, wofür man gebetet hat. Irgendwie war Gott der Geber, der unsere Forderungen erfüllen muss, damit wir ihm nicht unsere Treue kündigen“ (11, vgl. auch 35).
Martinis‘ „Proustsche Madeleine“ (der Genuss dieses Gebäcks ließ in Proust Kindheitserinnerungen aufsteigen, aus denen er sein umfangreiches Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit entwickelte) ist der von seiner Oma hergestellte stark gesalzene Ziegenkäse:
„Als ich Omas Ziegenkäse probierte, fiel es mir schwer, Oma – vor dem Kamin sitzend – meine Konzentration zu widmen. Der Geruch und der für Omas selbst gemachten Ziegenkäse typisch salzige Geschmack lenkten meine Sinne ab. Doch genau das war zugleich Omas Geheimnis. Sie verstand es nämlich wie kein anderer, zunächst von Problemen weg zu lenken, bevor sie sich dann in tiefgründigen Gesprächen damit auseinandersetzte. Das Weglenken der Aufmerksamkeit direkt zu Jesus, das war ihr Rezept. Das Rezept für ihren Ziegenkäse gab sie nur ihren Töchtern und den Ehefrauen ihrer Söhne preis. Das Rezept für ein erfülltes Leben verschwieg sie aber niemandem. Für Oma war Jesus das beste Rezept. Und zum besten Rezept sollte jeder Mensch ihrer Meinung nach Zugang haben“ (13).
Der Ziegenkäse bringt dem Kind eine weitere Lektion fürs Leben bei:
„Nachdem ich den salzigen Ziegenkäse mit dem ungewohnt strengen Geruch circa fünfundzwanzig Mal von rechts nach links gekaut und mit reichlich Weißbrot im Mund hin und her geschoben hatte, um es erträglicher zu machen, fasste ich den Entschluss, den Ziegenkäse endlich doch herunter zu schlucken, anstatt ihn auszuspucken.
Viele Jahre später erkannte ich, dass mein Essverhalten sich auch in meinen anderen Charaktereigenschaften widerspiegelte. Warum hatte ich den salzigen Ziegenkäsen nicht einfach ausgespuckt? Tat ich es etwa, weil mir bekannt war, dass dieser Käse von unabhängigen Institutionen preisgekrönt war? Habe ich den Käse heruntergeschluckt, weil ich meine Oma nicht beleidigen wollte? Oder hatte ich etwa so viel Hunger, dass es mir egal war, wie der Käse schmeckte?
Ich erkannte, dass mein großes Vertrauen zu meiner Oma ausschlaggebend war und dass es mich dazu bewogen hat, fünfundzwanzig Mal auf etwas herumzukaufen, wovon ich eigentlich schon beim ersten Bissen dachte, dass es nichts ist, was mit schmeckt, gut tut oder so viel Freude bereitet wie eine Tafel Kinderschokolade“ (13f.).
Doch beginnt die Auslegung des Salz-Käse-Gleichnisses hier erst, um auf den nächsten Seiten (13-19) durch Oma Katerinas Deutungen vor dem Kamin tatsächlich ins Tiefgründige hinabzusteigen. Es bleibt dem Kind von beidem – Käse wie Exegese – ein Geschmack, der sich erst dem Erwachsenen als Wissen offenbart. Daher auch der Titel des Buches Salziger Ziegenkäse vor Omas Kamin. Er erinnert entfernt daran, dass das lateinische Wort sapientia (Weisheit) von sapere (schmecken, erfahren) kommt.
Es folgen Kapitel, in denen der Autor weitere persönliche Erlebnisse schildert, die einem zugleich als Illustrationen bestimmter Bibelverse vorkommen, u. a.:
- ein Gebirgsausflug mit der Oma zu den Schafen (Kap. 2, vgl. Joh 10,11: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“);
- wie beim Militärdienst die Wahrheit frei macht (Kap. 3 + 6, vgl. Joh 8,32b: „Die Wahrheit wird euch frei machen!“);
- über die Kraft des Gebets in tiefer Verzweiflung (Kap. 4, vgl. Mt 7,7a: „Bittet, so wird euch gegeben“ u. Ps 50,15a: „Rufe mich an am Tag der Not, so will ich dich erretten“);
- was das Lesen in der Bibel bewirken kann (Kap. 5, vgl. Apg 8,30f.: „Verstehst du auch, was du liest?“);
- dass ein Christ an seinen Früchten erkannt wird (Kap. 6, vgl. Mt 7,16a);
- über die Kunstgriffe des Teufels (Kap. 7, vgl. Eph 6,11: „Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnt gegenüber den listigen Kunstgriffen des Teufels“);
- wie Gott Türen öffnet, wo wir keine Türen sehen (Kap. 8, vgl. Ps 37,5 u. Mt 7,7b);
- über Gott sprechen (Kap. 9 + 10, vgl. Mt 12,34b: „Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund“);
- über Gott unergründliche Wegführung (Kap. 11, Röm 11,33b: „Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege!“);
- keine Entscheidung zu treffen, ohne vorher darüber gebetet zu haben (Kap. 12, Röm 8,28.11,33: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen […]“)
Der fließende Text wird immer wieder von Fragen unterbrochen, mit denen sich der Autor in grau unterlegten Kästchen – fast wie in einem Lehrbuch – an seine Leser wendet und sie einlädt, sich an die verschiedenen Etappen auf ihrem eigenen Glaubensweg zu erinnern, z. B.:
- „Wann haben Sie das erste Mal von Jesus gehört und wie haben Sie darauf reagiert?“ (11)
- „Wann ist man in Ihren Augen ein guter Mensch, ein guter Christ?“ (12)
- Schwere Fragen wie „Welches Ziel haben Gottes Prüfungen?“ (65) und „Wieviel Macht trauen Sie der Fürbitte zu?“ (33)
- Einfache biographische Fragen, die sich aus dem Kontext ergeben, wie „Gibt es in Ihrer Familie ein traditionelles Familienrezept?“ (16) oder „Können Sie sich an die ersten Treffen mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner erinnern?“ (78)
Verbunden mit Hinweisen auf verschiedene Bibelstellen zum Nachschlagen ist das Büchlein wirkich auf dem besten Weg, ein „Werkbuch“ zu werden, das „zum Gespräch in der Gruppe“ bei „(z. B. Exerzitien, Arbeit mit jungen Erwachsenen oder mit Senioren“ (Klappentext) anregen kann.
Gelegentlich blitzt ein feiner Humor auf, der nach weiteren Kostproben verlangt. Eine fast kindliche Erzählfreude ist dem Autor besonders dort anzumerken, wo er immer noch staunend auf seine von Gott durchkreuzten Pläne z. B. bei der Suche nach einer Partnerin, einer neuen Arbeit oder einem Haus zurückblickt.
Mit dem gesamten Buch setzt G. Martinis seiner Oma Katerina ein wunderbares Denkmal, das dem Leser ein lebendiges Vorbild im Leben wie im Glauben sein kann:
„Oma Katerina liebte die Menschen und gab ihre Lebenserfahrung und ihr Wissen gern weiter, ohne jemanden zu verletzen oder zu verurteilen. Jeder Mensch, unabhängig von seiner Herkunft und seiner Religion, erkannt das sofort und wusste das sehr zu schätzen. Das machte sich immer besonders bemerkbar, wenn sich die Menschen bei ihr Rat oder Hilfe holten.“ (48)
Auffällig ist, was im Religionsunterricht zu interessanten Diskussionen anregen kann, dass der Autor statt von der hl. Dreiheit der göttlichen Personen meist lediglich von Jesus spricht, obwohl er durchaus die Führung durch den Hl. Geist bezeugt (89) und vom Wirken Gottes in Seinen Heiligen sowie von ihrer Fürbitte überzeugt ist (78-82.85f.).
Dies gipfelt schließlich – fast folgerichtig – in jenem Statement:
„Ich bin der Auffassung, dass es für das ewige Seelenheil keine Rolle spielt, welcher dieser [hier: der evangelischen oder orthodoxen] Konfessionen man angehört. Der gemeinsame Nenner – und das ist Jesus – ist entscheidend“ (80).
Das kann – bei allem Respekt für diese Auffassung – nur jemand derart formulieren, der möglicherweise die heilende Wirkung der Mysterien (Sakramente) noch nicht in ihrer ganzen Fülle am eigenen Leib erfahren hat und dass der Heilige Geist kraft der Überlieferung (Tradition) in der Kirche lebendig ist (frei nach Vladimir Lossky).
Hier schließt sich möglicherweise der Kreis zum sprachlichen Problem des Nichtverstehens der eigenen orthodoxen Liturgie, wie Martinis selbst zu erkennen gibt:
„Meinen besten Freund Jesus hatte ich nämlich durch den Alltagsstress vernachlässigt und nun versuchte ich ihm sonntags gelegentlich durch ein paar griechisch-orthodoxe Gottesdienste, deren Inhalte ich aufgrund der altgriechischen Sprache nicht zufriedenstellend verstehen konnte, etwas Aufmerksamkeit zu schenken“ (34).
Das Büchlein ist in dem kleinen Pneuma-Verlag mit römisch-katholischem Profil erschienen, in dem auch der Religionsphilosoph Jörg Splett mehrere Werke veröffentlich hat.
Auf dem Cover des Buches sind die Fotos vom gütigen Gesicht seiner Großmutter, vom hl. Paisios und vom Autor selbst, der aber – wohl absichtlich – hinter seiner Sonnenbrille kaum zu erkennen ist, etwas zu klein geraten. Die darunter züngelnde Flammen, die offenbar den Kamin von Oma Katerina darstellen sollen, wecken in Verbindung mit den Fotos leider nicht nur gute Assoziationen.
Der Buchtitel ist vielleicht ein wenig zu lang geraten, um ihn sich leicht zu merken, obwohl oder gerade weil er zwei wesentliche Aspekte der Biographie von G. Martinis treffend zusammenfasst.
Insgesamt erinnern Passagen des Buches an K. C. Markides‘ Berg des Schweigens. Begegnung mit einem christlichen Meister, Metr. Tichons (Schewkunow) Heilige des Alltags, Tony Hendras Father Joe. Der Mann, der meine Seele rettete, Ernesto Cardenals Verlorenes Leben und an Carlos Castaneda.
Der Autor, George Martinis, hat ein erzählerisches Talent, dem zu wünschen ist, dass es sich in einem weiteren, vielleicht umfangreicheren Werk noch tiefer entfaltet.
George Martinis: Salziger Ziegenkäse vor Omas Kamin. Die Geschichte eines Glaubensweges, München: Pneuma-Verlag 2021, 94 S., 9,95 €.
