Vitae parallelae || Parallelleben

Ein fiktiver Dialog zwischen St. Martin und dem hl. Johannes Chrysostomos *

Jedes Jahr am 13.11. gedenkt die orthodoxe Kirche des heiligen Johannes Chrysostomos. Zwei Tage früher – am 11.11. – feiern orthodoxe und katholische Christen den Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Besonders im Rheinland erinnern die Kinder mit Laternenumzügen, Martinsfeuer, Weckmännern und dem Singen von Haus zu Haus an sein vorbildliches Leben.
Beide Heilige stammen aus dem 4. Jahrhundert, und auch sonst gibt es zwischen ihnen erstaunliche Parallelen. Daher sollen nun der hl. Johannes Chrysostomus und Sankt Martin in ein Gespräch miteinander treten und über ihr Leben erzählen[1] – auch wenn dieses Gespräch in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, stimmt doch alles, was gleich erzählt wird, mit den historischen Tatsachen oder zumindest mit den Legenden überein.

Martin: Salve! Ich bin Sankt Martin und wurde im Jahr 317 in Szombathely im heutigen Ungarn geboren. Mein Vater war ein römischer Offizier, so dass auch ich nach der Schulzeit mit 15 Jahren gegen meinen Willen zum Militärdienst musste. Das war damals so Gesetz.

Hl. Johannes Chrysostomos (Patriarchat von Antiochia)

Johannes: Sabach al-xer! Ich heiße Johannes von Antiochien, weil ich im Jahr 344 in Antiochia zur Welt gekommen bin. Antiochia, das heute bekanntlich das türkische Antakya ist, war damals nach Rom und Alexandria die drittgrößte Stadt der Welt. Auch mein Vater war ein römischer Offizier; aber er starb kurz nach meiner Geburt, so dass ich von meiner Mutter Anthusa großgezogen wurden. Durch sie kam ich zum Christentum, wurde mit 20 Jahren Katechumene, also Taufbewerber, und mit 23 Jahren getauft. Wann wurdest du getauft?

Martin: Als Soldat wurde ich über Mailand nach Frankreich und ins Rheinland geschickt. Überall dort lernte ich den christlichen Glauben kennen und wurde im Alter von 34 Jahren getauft. Später wurde meine Mutter durch mich zur Christin.

Johannes: Was hat dich am Christentum so begeistert, dass du dich entschlossen hast, Christ zu werden und den Glauben weiterzugeben?

St. Martin von Tours teilt seine Cappa (moderne Ikone)

Martin: Ich wurde Christ, weil mir Christus erschienen ist. Ich habe ihn mitten im kalten Winter in der Gestalt eines frierenden Bettlers erkannt. Denn ich dachte daran, was Christus uns im Evangelium gesagt hat: „Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben […] Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,36.40). Weil ich nichts anderes hatte, was ich geben konnte, zerteilte ich meinen Umhang und rettet den armen Mann somit vor dem Erfrieren. Und wie hat Christus dein Leben nach der Taufe verändert?

Johannes: Christus hat mich so begeistert, dass ich kurz nach meiner Taufe mit einigen Freunden als Mönch wie Christus leben wollte. Doch meine alte Mutter machte es sehr traurig, als sie hörte, dass ich sie, die ja allein war, verlassen wollte, um ein Mönchsleben in der Wüste zu führen. Daher versprach ich ihr, damit zu warten.

Martin: Aber wie ging es weiter?

Johannes: Als meine Mutter entschlafen war, ging ich in die syrischen Berge, um vier Jahre mit Mönchen zu leben und danach zwei Jahre in einer Höhle im Silipius-Berg. Dort las ich immer wieder die Bibel durch, bis ich sie auswendig konnte, betete und fastete. Leider übertrieb ich es mit dem Fasten so sehr, dass ich krank wurde und wegen meiner Gesundheit wieder nach Antiochia zurückkehren musste. Was passierte nach deiner Taufe, Martin?

Martin: Ähnliches wie bei dir: auch ich wurde für einige Jahre Einsiedler in Italien und Frankreich! Aber zuerst wurde ich im Jahr 357 in Worms ins Militärgefängnis gesteckt, weil ich nach meiner Taufe nicht mehr für den Kaiser, sondern nur noch für Gott kämpfen wollte. Heute ist dort, wo ich in Worms im Gefängnis war, die Martinskirche. Gott sei Dank war bald darauf mein 40. Geburtstag, so dass ich aus dem Militärdienst und somit aus dem Militärgefängnis entlassen werden konnte. Wie konntest du in der Großstadt Antiochia als Mönch weiterleben?

Dem hl. Johannes Chrysostomos erscheint beim Lesen der Bibel der hl. Paulus (Ikone)

Johannes: Der Bischof von Antiochia wollte mich als einen seiner Mitarbeiter haben, weihte mich 381 zu Diakon und fünf Jahre später zum Priester. Dank meiner guten Ausbildung und vor allem meines von Gott geschenkten Redetalents konnte ich durch meine Predigten viele Menschen für Gott begeistern, weshalb ich bald den Spitznamen „Goldmund“ bekam, was in meiner Muttersprache Griechisch „Chrysostomos“ heißt. Dabei habe ich mich nie gescheut, auch Priester, Bischöfe und sogar den Kaiser samt seiner Frau zu tadeln, wenn sie vom Evangelium abwichen und zudem ihr Geld verschwendeten, statt es mit den Armen und Hungrigen zu teilen. Für meine spitze Zunge wurde ich zweimal in die Fremde verbannt. Wie ging dein Leben weiter, Martin?

Hl. Martins von Tour mit „pfeifenförmigem“ Bischofsstab (Ikone geschrieben von Janina Zang)

Martin: Mit Gottes Hilfe gründete ich in Frankreich zwei berühmte Klöster. Dabei lernte Bischof Liborius kennen, der später nach Paderborn geschickt wurde und mit dem mich eine lebenslange Freundschaft verband. Dank der Gnade Gottes konnte ich durch die Auflegung meiner Hände viele Menschen heilen und einige sogar von den Toten auferwecken. Dadurch wurde ich natürlich sehr bekannt, und immer mehr Menschen strömten zu mir, von denen viele zum christlichen Glauben kamen. Doch als ich einigen schlechten Bischöfen begegnete, die nicht den wahren Glauben lehrten, schwand langsam die mir von Gott verliehene Wunderkraft. Was geschah bei dir?

Johannes: Ich hatte einen Freund Basilios, mit dem ich seit der Schulzeit alles zusammen gemacht hatte, gemeinsam studiert und als Mönch gelebt hatte. Plötzlich hörten wir das Gerücht, dass wir zu Bischöfen geweiht werden sollten. Das war für mich ein solcher Schock, dass ich mich versteckte, während Basilios zur Bischofsweihe geführt wurde. Basilios nahm mir meine Flucht übel, bis ich ihm erklären konnte, warum ich geflüchtet war: denn ich hielt mich einer solchen Aufgabe weder für würdig noch aufgrund meiner fehlenden Erfahrung mit der Welt für gewachsen. Doch später gab Gott mir die Kraft, Bischof von Konstantinopel und Patriarch zu werden.

Gans nach ihrem Verrat, oder: Warum wird an St. Martin Gans gegessen?

Martin: Das ist erstaunlich, denn mir ging es ganz ähnlich! Als man mich zum Bischof machen wollte, habe ich mich schnell im Gänsestall versteckt. Doch weil die Gänse zu schnattern begannen, wurde ich entdeckt und zur Bischofweihe abgeführt. An die verräterischen Gänse erinnert heute noch der Brauch, am Martinstag einen Gänsebraten zu essen. Aber ich kann nichts dafür, denn mir tun die armen Tiere Leid! Weil nach meinem Gedenktag am 11.11. die adventliche Fastenzeit beginnt, beginnt an diesem Tag um 11.11 Uhr auch offiziell der Karneval, denn das lateinische Wort „carne vale!“ bedeutet übersetzt „Lebe wohl, Fleisch“. Ein anderes Wort für Karneval ist „Fastnacht“, weil es die Nacht vor dem Fastenbeginn ist. Leider ist davon im Bewusstsein der meisten Menschen nicht mehr viel übrig!

Johannes: Auch bei uns beginnt kurz nach meinem Gedenktag mit dem sog. Philippus-Fasten ab dem 15.11. die adventliche Fastenzeit! Aber warum bekommen die Kinder an deinem Gedenktag die sogenannten Weckmänner?

Martin: Die haben nichts mit aufwecken zu tun! Sondern Weck ist ein anderer Begriff für einen bestimmten süßen Teig. Die Pfeife im Weckmann symbolisiert übrigens meinen Bischofstab. Auch das Wort „Kapelle“ hat mit mir zu tun, denn es war später der Ort, an dem eine Hälfte meiner Cappa, also meines Umhangs, vom Kaiser auf seinen Reisen als Reliquie verehrt wurde. Der dafür zuständige Priester hieß „Capellanus“, also heute Kaplan. Johannes, gibt es auch von dir etwas, das heute noch weiterlebt?

Bibliothek der Kirchenväter (= 1. Reihe, Bd. 27 / neu; oder gr.-dt. Neuausgabe im Carthusianus Verlag)

Johannes: Ja, alle orthodoxen Christen feiern bis heute die Göttliche Liturgie nach der Ordnung und mit einigen Gebeten, die ich geschrieben habe. Außerdem habe ich in dem Buch „Über das Priestertum“ zeitlos beschrieben, wie der ideale Priester sein sollte.

Martin: Das Buch muss ich lesen! Am 8. November 397 bin ich im Herrn entschlafen und wurde unter großer Anteilnahme der mittlerweile christlichen Bevölkerung am 11. November begraben. Meine letzten Worte lauteten: „Den Tod fürchte ich nicht, weiter zu leben lehne ich aber nicht ab.“ Ich war im Westen der erste, der als Heiliger verehrt wurde, obwohl er nicht als Märtyrer starb.

Johannes: Kurz nach deinem Tod lernte ich in Konstantinopel einen gewissen Johannes Cassian kennen, der aus dem Westen stammte und mich beim römischen Papst gegen den Kaiser verteidigte. Er spannte später eine Brücke vom Osten in den Westen, indem er seine Erfahrungen mit dem Mönchtum in Palästina und Ägypten ins Abendland brachte und im Jahr 415 bei Marseille zwei Kloster nach östlichem Vorbild gründete. Sie wurde für alle späteren Klöster in ganz Europa wegweisend. Hier schließt sich somit der Kreis zwischen dir und mir. Ich werde als einer der vier großen Kirchenlehrer des Ostens verehrt, und zahlreiche Wunder werden mir zugeschrieben. Als ich 407 starb, waren meine letzten Worte: „Verherrlicht sei Gott für alles. Amen.“[2]

Überführung der Gebeine des hl. Johannes Chrysostomos (Bildquelle)

* Dieses fiktive Gespräch wurde als Dialog-Predigt am 13.11.22 bei der Göttlichen Liturgie zum Patronatsfest der rum-orthodoxen Gemeinde des Hl. Johannes Chrysostomos in Wiesbaden vorgetragen und richtet sich besonders an Kinder und Jugendliche. Was für Kinder gut ist, kann bekanntlich Erwachsenen nicht schaden.

[1] Inspiriert wurde der Titel dieser Predigt durch den antiken Schriftsteller Plutarch, der in seinen Parallelbiographien (οἱ βίοι παράλληλοι, Vitae parallelae, „Parallele Lebensbeschreibungen“) einem gelehrten Griechen jeweils einen kongenialen Römer gegenüberstellte. Vgl. auch Vertrauliche Gespräche des Erasmus von Rotterdam.

[2] Literatur- und Quellenangaben (in Auswahl):
a) zum hl. Johannes Chrysostomos:

b) zum hl. Martin von Tours:

  • Die Hagiographie findet sich bei Sulpicius Severus in der Vita Sancti Martini sowie in je drei Briefen und Dialogen über den hl. Martin.
  • Zudem führen zahlreiche Links im Text zu diversen Webseiten mit Informationen.