Der Beitrag wurde ergänzt am 23.07.23.

Während das Benediktiner-Kloster auf dem heiligen Berg Athos namens Amalfión1, das von ungefähr 985 bis vor 1287 bestand und ausgerechnet durch Kreuzfahrer zerstört wurde, ein orthodoxes Kloster mit westlichem Ritus war, das auch nach dem Schisma von 1054 orthodox blieb2, stand das römisch-katholische Kolleg auf dem Athos von Anfang bis Ende unter Jurisdiktion des römischen Papstes.
Ihn hatte der Abt Ignatios des Klosters Vatopedi 1628 um die Errichtung eines solchen Studienhauses gebeten. Sechs Jahre später, im Jahr 1634 (oder 1635 bzw. 1636 nach Hofmann 1938a, 56), wurde es gegründet und befand sich beim Protaton, dem Amtssitz des auf der Versammlung aller Klostervorsteher jeweils für ein Jahr gewählten Prótos („Ersten“) in der Athos-Hauptstadt Karyes.
Die Kontaktaufnahme mit dem Westen war nötig geworden wegen der Schul- und Ausbildungsfrage während der „geistig dumpfen Türkenherrschaft“ (Podskalsky, 49), ja, sie wurde ab 1453 zur Überlebensfrage der griechischsprachigen Orthodoxie. Denn das Schulwesen im gesamten osmanischen Herrschaftsgebiet wurde absichtlich in den Niedergang getrieben, um die Untertanen möglichst gefügig zu halten.
Dabei konnten einige renomierte Lehranstalten wie die Patriarchalakademie und die sog. Manolakes-Schule in Konstantinopel auch in der Türkenzeit überleben, doch besonders die Volksbildung und die theologische Ausbildung wurden bewusst vernachlässigt.
Die Manolakes-Schule bot einen dreistufigen Unterricht (vgl. Podskalsky, 49), bestehend aus: κοὶνα γράμματα, κυκλοπαιδεία und φιλοσοφία-θεολογία, d.h. nach der „allgemeinen Unterweisung“ in Lesen, Schreiben und Rechnen folgte eine „enzyklopädische“, vermutlich der heutigen gymnasialen Oberstufe vergleichbare Ausbildung, um schließlich Philosopbhie und Theologie auf universitärem Niveau zu lernen.
Am verbreitetsten waren zwei Schulformen, eine allgemeine und eine höhere. Bei Metropolit Hierothoes Vlachos liest es sich unter Berufung auf Tryphon Evangelidis in der Übersetzung folgendermaßen:
„Es gab zwei Arten von Schulen, nämlich die allgemeine und die höhere Schule.
Die allgemeinen Schulen befanden sich in den Metropolitanpalästen der Städte, bei den Kirchen und den angrenzenden Klöstern. Als Lesestoff dienten ihnen verschiedene Kirchenbücher, etwa der Oktoechos, der Apostel, der Psalter, das Horologion. Die Kinder saßen normalerweise auf Matten oder Teppichen auf dem Boden; tatsächlich war G. Gennadios der erste Lehrer, der Schreibtische in der Walachei einführte. Sie verwendeten auch Rechentafeln, Logarithmen usw.
Die höheren Schulen hatten verschiedene Namen, wie Akademie, Lyzeum, Museum, Griechisches Museum, Pädagogicum, Vorschule, Omakoion, Gymnasium, Grundschule, Schule. Wichtig ist die Erfassung und Beschreibung, die der Autor nach Regionen innerhalb des griechischen Raums und allgemein des Balkanraums vornimmt.“
Sicher war die Schule (σχολείο), die dem Abt von Vatopedi vorschwebte, weniger eine Elementarschule, sondern eher eine Akademie oder ein „Kolleg“.
Dies gilt besonders angesichts der Tatsache, dass Jesuiten – quasi die Erfinder des modernen Kollegwesens – diese Hoch-„Schule“ en miniature auf dem Athos betrieben haben sollen, wie ein Eintrag im Artikel „Gesellschaft Jesu“ („Εταιρεία του Ιησού“) bei Wikipedia auf Griechisch nahelegt:
„Επίσης ίδρυσαν σχολείο και μέσα στο Άγιο Όρος, στις Καρυές, το 1635 για να μορφώνονται οι ορθόδοξοι μοναχοί.“
„Sie gründeten 1635 auch eine Schule auf dem Berg Athos in Karyes zur Ausbildung orthodoxer Mönche.“
Mit „sie“ sind an dieser Stelle und im Kontext des gesamten Wikipedia-Artikels die Jesuiten gemeint. Diese Behauptung wird dort durch einen Hinweis auf ein Standwerk zur Geschichte des griechischen Volkes (Anm. 15: Ιστορία του Ελληνικού Έθνους, Αθήνα: Εκδοτική Αθηνών, 1977, Bd. 10, 124-126) belegt.
Der folgende Beitrag3 soll diese Behauptung jedoch widerlegen: Die Jesuiten haben dieses Kolleg weder gegründet noch betrieben. Existiert hat es dennoch.
1. Die Jesuiten, ihre Kollegien und ihre Mission
Die Jesuiten bildeten und bilden in ihren berühmten Kollegien, die die Vorläufer der späteren nachtridentinischen Priesterseminare waren, angehende Gemeindepriester aus wie etwa in Rom im berühmten Collegium Romanum (gegr. 1551) oder im Collegium Germanicum et Hungaricum (1552/1578), das bis heute Priesternachwuchs aus den deutschsprachigen Ländern sowie aus denen des ehemaligen „Kakaniens“ versammelt.
Zur Zielsetzung beider Kollegien gehörte, der Verbreitung der Reformation entgegenzuwirken und gleichzeitig die Verbreitung des Katholizismus zu fördern. Im griechisch-slavischen Raum wurden als Gegengewicht zu den Jesuitenkollegien orthodoxe Bruderschaftsschulen errichtet (vgl. Podskalsky, 58).
Auch für die griechischsprachigen Gebiete Europas gab es ähnliche Pläne, als Papst Gregor XIII. (1572-1585) 1577 das Collegium Graecum Sancti Athanasii (Ποντιφίκιο Ελληνικό Κολλέγιο Αγίου Αθανασίου) in Rom gegründete, das Jesuiten mit häufiger Ablösung durch andere Orden leiteten. Heute leiten es Mitglieder des Basilianerordens.
Es verfolgte drei Ziele: 1. der osmanischen Eroberung und ihren Folgen in den ehemals byzantinischen Gebieten entgegenzuwirken; 2. den „Vormarsch der protestantischen Reformation“ zu verhindern und 3. die „Wiederherstellung der Gemeinschaft der Ostkirchen mit Rom“ zu fördern (vgl. Wikipedia-Art. „Päpstliches Griechisches Kolleg vom Hl. Athanasius“).
Da zum Einzugsgebiet des Collegiums auch die Gebiete und Inseln des heutigen Griechenlands gehörten, in denen die Franken und Venezianer den lateinischen Ritus eingeführt hatte, wurde es unter den Studenten schnell zur Streitfrage, ob der byzantinische oder der lateinische Ritus in der Kollegskirche gefeiert werden sollte.
Auch an anderen Orten Griechenlands gründeten die Jesuiten Schulen bzw. Kollegien: in Konstantinopel (1610), Chios (1627), Smyrna und Naxos (1628), Santorini (1642), Syros und Andros (1657), Nafplio (1656), Athen (1657) und in Milos (1661) und weiteren Orten.
Die große Resonanz ihrer Bildungsabeit führte dazu, dass einige orthodoxe Metropoliten den Jesuiten die Erlaubnis erteilt haben sollen, in den griechischen Kirchen zu predigen, den dortigen Gläubigen die Eucharistie wie auch das Beichtsakrament zu spenden (vgl. Yannaras, 100). Wir formulieren hier absichtlich sehr vorsichtig, da wir diese Behauptung noch überprüfen müssen.
Aufgrund der erfolgreichen, jedoch mit der Verbreitung des Katholizismus verbundenen jesuitischen Bildungsarbeit kam es zu Konversionen von hohen Geistlichen zur römischen Kirche, zum Beispiel des Metropoliten Josaphat von Sparta, des Metropoliten von Ägina Kallinikos mit mehreren seiner Mönche im Jahr 1727, des Abtes des Klosters in Hydra im Jahr 1727, der sechs griechischen Bischöfe auf den Kykladen im Jahr 1662, der Metropolit von Rhodos Meletios (1645-1651) und Mönche des Klosters des Heiligen Johannes des Theologen auf Patmos im Jahr 1681.
War es eine notgedrungene „Zusammenarbeit“ angesichts gewaltiger Herausforderungen, für die diese orthodoxen Metropoliten Auswege suchten? Immerhin drangen die Osmanen ständig weiter gen Westen vor: 1683 standen die Türken zum zweiten Mal nach 1529 vor Wien.
Wie wollten die orthodoxen Hierarchen der wachsenden Herausforderung durch die Reformation begegnen, deren Folgen sie exemplarisch am je unterschiedlichen Verhalten ihrer Mitbrüder im Bischofsamt und der späteren Patriarchen von Alexandria Kyrillos Loukaris (1572-1638) und Metrophanes Kritopoulos (1589-1639), der auf seiner Europareise kurze Zeit in Helmstedt studierte, erkennen konnten?
Dieser ungeheuere Proselytismus, den die Jesuiten direkt oder indirekt betrieben, war damals wie heute ein Skandal und trägt immer noch dazu bei, dass in manchen orthodoxen Kreisen vor jeder ökumenischen Begegnung der Warnruf „Ökumenismus“ erschallt.
Dies hat auch dem Ruf der Jesuiten im Nachhall der Geschichte sowohl in der Orthodoxie als auch in der Ökumene mehr geschadet als genützt und ihre pädagogischen Verdienste nachträglich in ein schlechtes Licht gerückt. Waren die Jesuiten die berühmten Geister, die man rief und nicht mehr loswurde?
Andererseits waren die Jesuiten auch nicht die Erzschurken (Voltaire wollte sie in einem großen Topf kochen sehen), denen jede politische wie konfessionelle Intrige zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert anzulasten wäre.
Zudem kann jede Epoche nur nach ihren eigenen Maßstäben beurteilt werden, ohne der Gefahr des Anachronismus zu erliegen, denn „jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst“ (Leopold von Ranke).
Bei den Angaben zur Verbreitung der Jesuiten-Schulen wie auch zu den bischöflichen Konversionen stützen wir uns Christos Yannaras‘ Forschungsergebnissen. Er ist als Philosph und so streitbarer wie umstrittener promovierter orthodoxer Theologe auf das Verhältnis Griechenlands zum Westen spezialisiert.
Damit sollte sich zumindest der Verdacht erledigen, bei der Darstellung einem bestimmten römischen Triumphalismus aufzusitzen, wie er gelegentlich in G. Hofmanns SJ Darstellung aufscheint.
2. Das katholische Kolleg auf dem Athos
Der deutsche Jesuit Georg Hofmann (1885-1956) hat in mehreren Beiträgen über das Athos-Kolleg geschrieben, am ausführlichsten in dem Beitrag La fondazione della prima scuola cattolica sul Monte Athos (1938a), der reichlich aus den Primärquellen schöpft. Seiner Darstellung folgen wir im Weiteren, allerdings mit größter Vorsicht.
Hofmann zitiert aus dem Briefwechsel der Congregatio de propaganda fide, dem Vorläufer des heutigen Dikasterium für die Evangelisierung, dass Abt Ignatios von Vatopedi 1628 in Rom bei Kardinal Bandini, dem Präfekten der Kongregation, erschien.
Vorab hatte er dem Kardinal durch Kanákios Rossis, einen von der Peloponnes stammenden früheren Alumnen des Collegium Graecum, zwei Brief auf Italienisch senden lassen, die beide im Archiv des Dikasteriums erhalten sind (vgl. Hofmann 1938, 54f.).
In dem zweiten Brief bittet der Abt – mit Hinweis auf den Fortbestand der in Florenz geschlossene Union („e perchè vuol trattare dell’unione stabilita nel concilio Fiorentino“, 55)! – um eine Initiative zur Gründung einer Schule auf dem Athos und eine vertrauenswürdige Person samt Gefährten („alcuno huomo fidato in sua compagnia“) zur ihrer Umsetzung oder wenigsten um einen Zuschuss zu den Kosten seiner Rückreise auf den Athos („almeno un aiuto di costa per il ritorno“, 55).

Es darf an dieser Stelle gemutmaßt werden, ob der Abt den genauen Wortlaut der – falls er kein Italienisch auf Kanzlei-Niveau sprach, was wahrscheinlich ist – von K. Rossis formulierten Briefe an den Kardinal (und damit die unverhohlene Anspielung auf die vom griechischen Episkopat später wieder abgelehnten Beschlüsse des sog. Unionskonzils von Basel-Ferrara-Florenz aus den Jahren 1431 bis 1445) überhaupt kannte.
Doch will Hofmann wissen, dass Hegumen Ignatios verschiedene Dokumente der Union mit sich führte, u.a. einen Brief von Papst Eugen IV. an den damaligen Abt Dorotheos von Vatopedi und vier weitere Repräsentanten des Heiligen Berges („le prove delle concessioni che per iscritto aveva data il Papa Eugenio IV al Ieromonaco Doroteo […] ed algi altri quattro […] rappresentanti della Santa Montagna“, 54). Hier bleibt Hofmann, der seine Behauptungen sonst meist gründlich belegt, seltsamerweise den Beweis schuldig.
Als Kenner der Konzilsakten – und Verfasser eines Beitrags über sie just aus demselben Jahr des Beitrags über die Athos-Schule – wusste er freilich, dass es solche Unterschriften gegeben hatte; dort in einem der Abschlussdokumente, die Hofmann veröffentlichte, stehen auch die Namen der Äbte, auf die Abt Ignatios als Beweis für das Fortbestehen der Union anhand seiner Dokumente angeblich verwiesen haben soll (vgl. Hofmann 1938b, 416): Dorotheos und Moses vom Athos, aber auch die Äbte Gerontios, Germanos und Pachomios (vgl. Hofmann 1938a, 54).
Wie überzeugend ist es, dass Abt Ignatios die Briefe mit sich geführt haben soll, wenn Abschriften von ihnen ja in Rom gut verwahrt vorlagen? Die für seine Argumentation so bedeutsamen Briefe hätten auf der Reise leicht geraubt werden oder anderweitig verlustig gehen können. Bestenfalls Abschriften könnte er bei sich gehabt haben.
Die gesamte Szene erinnert zudem stark an eine aus dem Leben des Patriarchen Athanasios III. Patelaros, von dem unten noch die Rede sein wird. Über ihn heißt es, dass er 1634 – also nur ein paare Jahre nach Abt Ignatios – „versuchte[,] mit Berufung auf die 1439 unterzeichnete – aber misslungene – Kirchenunion des Konzils von Ferrara-Florenz von Papst Urban VIII. Unterstützung zu erhalten“ (Link).
Wir müssen mangels Quellenbeleg fragen: Erfindet der Historiker Pater Hofmann hier eine mit Motiven aus Patriarch Athanasios‘ III. Biographie vermischte Geschichte, mit der er konjiziiert, wie es gewesen sein könnte? Könnte er angesichts der historischen Faktenfülle unabsichtlich durcheinander geraten sein? Oder konstruiert er die Erzählung absichtlich – wenn ja, mit welcher Absicht?
Auch die beiden dort bei Hofmann folgenden Absätze sind voll von nicht belegten Beschreibungen – also reinen Spekulationen – dessen, was Abt Ignatios in Rom und Umgebung alles besucht, gesehen und verehrt haben könnte (vgl. 54).
Kardinal Bandini genehmigte das Vorhaben schnell im November 1628 und stattet es mit 50 Gold-Scudi aus. Allzu gerne kam er der Bitte des Abtes nach, erkannte er doch die einmalige Chance, die sich der Propaganda fidei für eine Road to Unity („strada dell’unione di quella Chiesa con la Occidentale“), für eine Vereinigung – oder eher Vereinnahmung? – der Orthodoxen Kirche durch den Katholizismus bot. Dies könne gut geschehen – so der Kardinal – aufgrund des hohen Vertrauens, dass die Athos-Mönche bei den griechischen Bischöfen und bei der Bevölkerung genössen („e questo per il gran credito ch’hanno detti monaci presso i vescovi e li popoli della Grecia“, 55f.).

Sechs Jahre später, im Jahr 1634 (oder nach Meinung Hofmanns 1635 bzw. 1636; 1938a, 56), wurde das athonitische Kolleg gegründet und befand sich beim Protaton, dem Amtssitz des auf der Versammlung aller Klostervorsteher jeweils für ein Jahr gewählten Prótos („Ersten“) in der Athos-Hauptstadt Karyes.
Der erste Kollegsleiter war Niccolò Rossis, der Neffe des oben genannten Kanákios Rossis. Er war Priester, aber kein Jesuit, und unterrichtete in seiner neuen Lehrstätte Griechisch, Latein und den dogmatischen Traktat De sacramentis.
Denn viele seiner Schüler wüßten weder, was Sakramente seien, noch, was sie bezeichneten („perchè molti dei suoi scolari non sapevano neppure che cosa significasse sacramento“, 56), wie er in einem Brief an den Sekretär der Kongregation, Msgr. Franceso Ingoli, behauptet.
Anschließend spekuliert Hofmann, anhand welcher Bücher Rossis wohl gelehrt habe („forse egli aveva come manuale“, 56) – alles allein aufgrund von Mutmaßungen ohne jeden Beleg.
In demselben Brief vom 20. Februar 1636 beschrieb Rossis die näheren Gegebenheiten des athonischen Kollegs:
„Ich befinde mich am Protaton mit zehn Schülern […] Ein Bischof, der sich dort zur Visitation der Klöster aufhielt, kam zum Unterricht. Als ich begann, jeden Samstag zwei oder drei geistliche Worte zu sprechen, kamen sie noch. Ich hoffe, die schreckliche Kälte ist bald vorbei, denn wegen Eis und Schnee kann niemand kommen, damit ich viele Schüler habe. Bezüglich des Protatons, bei dem ich bin, gibt es nichts außer einigen Zellen in Form einer Stadt, ein wenig voneinander entfernt, mit einer äußerst hübschen Kirche, groß und schön … dort ist ein sehr wundertätiges Bildnis der allerheiligsten Jungfrau. Hier trifft man 20 Personen als Vertreter der Klöster“ (56f.).
Damit beschreibt Niccolò Rossis zutreffend Karyes, die Hauptstadt des Athos, wie sie immer noch in ihrer Struktur (Kirche, Kellien, wundertätige Ikone usw.) besteht und mit ihren Einrichtungen (Rat, Versammlung, Abgesandten etc.) funktioniert.
Sogar die wundertätige Ikone Axion esti(n) beschreibt er, die im Protaton, der erwähnten Kirche in Kares, verehrt wird.
Auch heute gibt es dort eine Ausbildungsstätte, die Athonitis-Schule oder „Athonias“, eine Hochschule für byzantinische Theologie, die in gewisser Weise die Tradition der 1750 von Patriarch Kyrillos V. gegründeten Athos-Akademie beim Kloster Vatopedi fortsetzt (vgl. Podskalsky, 59f.)
In einem weiteren Brief vom 15. Juni 1636 ließ Rossis den Sekretär der Kongregation wissen, dass sich die Zahl der Alumnen täglich erhöhe, weil sich die jungen Mönche aus den Klöstern stiehlten, um studieren zu gehen. Sie sei nun bei 17, was bedeute, dass er kaum mehr Zeit zum Atmen habe, da er sich jedem individuell widmen müsse („bisogna impartire a ciascuno, non avere egli il tempo neppurre di respirare“, 57).
Stolz erzählte er von einem Schüler, der nach einem Examen durch den Bischof zum Diakon geweiht werden sollte. Dieser bestand die Prüfung derart glänzend, dass der Bischof ihn sogar unmittelbar der Diakonenweihe zum Priester weihte.
Im dritten Brief vom 20. März 1638 berichtete er dem Sekretär der Kongregation von Schwierigkeiten, die sich durch den Erfolg des Unterrichts einstellten.
Zum einen äußerten die Äbte die Sorge, den jungen Mönchen könne durch die lange Abwesenheit vom Kloster der „monastische Geist“ abhanden kommen („potessero perdere lo spirito monastico“, 58).
Zum anderen wollten die studierten Mönche nicht mehr um Almosen bitten gehen, sondern flüchteten vom Athos, um nun Bischöfe oder gar Metropoliten zu werden.
In Folge dessen, begannen die Äbte das Interesse an dem Kolleg zu verlieren und kümmerten sich nicht mehr darum. Dennoch harrte Rossis zunächst weiter dort aus.
Das Ende des athonischen Kollegs aber verfügten 1641 die osmanischen Autoritäten, die den Erfolg des Kollegs aus gutem Grund beargwöhnten, denn es unterlief ihr Ziel, die Ausbildung von Geistlichen zu erschweren, wo sie nicht ganz unterbunden werden konnte, um dadurch den Fluss des Nachwuchses an Priestern sowie Diakonen und damit die sakramental-seelsorgliche Betreuuung von Gemeinden und Klöstern langsam auszutrocknen.
Es folgte die Verlegung des Kollegs vom Athos nach Thessaloniki, wobei Rossis alle Alumnen folgten. Die Mönche verloren sich nach und nach, aber das Kolleg blühte durch den Zustrom weltlicher Zöglinge auf. Denn – so Rossis – die Griechen seien, wie man wisse, immer wissensdurstig („come si sa, i Greci sono sempre segnalati per l’amore verso lo studi“, 58). Doch war damit auch das eigentliche Ziel der Kongregation, nämlich Mönche auf dem Athos auszubilden, verloren.
Unterstützt wurde er bei seiner Arbeit von Athanasios Patelaros (1590-1654), der dreimal den Patriarchenthron in Konstantinoepl bestieg und schließen Erzbischof von Saloniki wurde.
Am 2. Juli 1641 konnte Niccolò Rossi nach Rom schreiben, dass er nach der Volkszählung bald wieder auf den Athos zurückkehren und seine Arbeit dort regulär fortsetzen könne.
Doch dazu kam es nicht mehr, da Gott der Herr seinen arbeitsamen Diener heimrief.
Sein 1643 von der Kongregation ernannter Nachfolger Nicola Logotheta, in Saloniki geboren und ehemals Alumne des Collegium Graecum, konnte aus weiter ungeklärten Gründen das einst so erfolgreiche Werk weder auf dem Athos noch überhaupt viel länger in Saloniki fortsetzen.
Bald danach verlieren sich die Spuren des Kollegs im Treibsand der Geschichte.
⸎Weiterleitung zu Teil 2. ⸎
___________________________
Literatur:
- Wikipedia- Art. „Εταιρεία του Ιησού“ (Art. „Gesellschaft Jesu“ auf Griechisch; Deutsche Online-Übersetzung).
- Blachos, Kosmas: Ἡ χερσόνησος τοῦ ἁγίου ὄρους Ἄθω ϰαὶ αί ἐν αὐτῇ μοναὶ ϰαὶ οί μοναχοὶ πάλαι ϰαὶ νῦν [Hē Chersonēsos tu hagiu orus Athō kai hai en autō monai kai hoi monachoi palai te kai nyn – Die Halbinsel des heiligen Berges Athos und die auf ihr lebenden Mönche einst und nun], Athen: Plataniōtos 1903. [PDF durch Klicken auf den untersten Link]
- Hofmann, Georg SJ (1926): Rom und Athosklöster, in: Orientalia Christiana 28 = vol. 8,1, Rom: Pont. Institutum Orientalium Studiorum.
- ders. (1938a) [= P. G. / Padre Georg?]: La fondazione della prima scuola cattolica sul Monte Athos [Die Gründung der ersten katholischen Schule auf dem Athos], in: Civiltà Cattolica (89,2/1938), 54-59. [Darin weitere zeitgeschichtlich interessante Beiträge: La gioventù nella Germania razzista e totalitaria, 3-16; Germanesimo razzista e Romanesimo cattolico, 289-292]
- ders. (1938b): Die Konzilsarbeit in Florenz Febr. 1439 — 26. Febr. 1443, in: Orientalia Christiana Periodica (4/1938), 157-188; 372-422.
- ders. (1939): Die Jesuiten und der Athos, in: Archivum Historicum Societatis Iesu, Vol. VIII (Jan 1, 1939), 3-33.
- ders. (1954): Rom und der Athos. Briefwechsel zwischen dem Missionar auf dem Athos Nikolaus Rossi und der Kongregation de Propaganda Fide, in: Orientalia Christiana Analecta 142, Rom: Pont. Institutum Orientalium Studiorum.
- Meyer, Philipp: Die Haupturkunden für die Geschichte der Athosklöster. Grösstentheils zum ersten Male herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Ph. Meyer, Studiendirector des Predigerseminars auf der Erichsburg, Leipzig 1894.
- Podskalsky, Gerhard SJ: Griechische Theologie in der Zeit der Türkenherrschaft 1453-1821. Die Orthodoxie im Spannungsfeld der nachreformatorischen Konfessionen des Westens, München: Beck 1988 (auf Neugriechisch 2003).
- Yannaras, Christos: Orthodoxy and the West, Brookline (MA): H.C. Press 2006 [OA: Γιανναράς, Χρήστος: Ορθοδοξία και Δύση στη νεώτερη Ελλάδα, Αθήνα: Δόμος, 1992].
- Vlachos, Hierotheos (Metr. v. Navpaktos): Η Εκκλησία στήν Τουρκοκρατία – Η Ελληνορθόδοξη Παιδεία στήν Τουρκοκρατία, aufgerufen am 21.07.23 (hier in dt. Übers.).
»«
Anmerkungen:
