Wie Putin sich an seiner eigenen Geschichte rächt | Prof. Dr. Assaad Elias Kattan

Dieser Beitrag von Prof. Dr. Assaad Elias Kattan (Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie, Universität Münster) erschien in der arabischen Online-Zeitung Almodon am 27.02.22. Die deutsche Übersetzung wurde freundlicherweise vom Autor durchgesehen und zur Veröffentlichung freigegeben. Er liegt auch in folgenden Sprachen vor: English, български (Bulgarisch), ქართული (Georgisch), Русский (Russisch) und Ἐλλενικά (Griechisch) vor.

Während dieser Artikel geschrieben wird, bombardieren die Kampfflugzeuge des Zaren das wunderschöne Kiew, und überall in der Luft hallen Sirenen.
»Wer hat unserer Botschaft geglaubt?«, lässt sich mit dem Prophet Jesaja fragen1: Die Kämpfer von Wladimir Putin greifen Kiew an, nicht Tiflis, Jerewan, Berlin, Paris oder Istanbul und schon gar nicht New York.
Tatsächlich will der russische Zar Rache an den Ukrainern üben … und an seiner eigenen Geschichte.

Er zerstört die Wiege seiner eigenen Zivilisation, nicht die Wiege der westlichen Zivilisation, die ihm Ekel und Übelkeit bereitet.
Er zerstört das altehrwürdige Kiew mit seinem majestätischen Höhlenkloster, das im 11. Jahrhundert errichtet wurde und als Mutter der russischen Kirche sowie als ihr Heiligtums gilt. Tausende werden täglich mit seinen Reliquien gesegnet, aus denen weiterhin Myrrhe fließt.

(Bildquelle: Ein Blick auf einen Teil der Reliquien des Kiewer Höhlenklosters)

Er zerstört ein Kiew, das stolz auf seine der Heiligen Weisheit [Sophia] geweihten Kathedrale ist, die uns zurück zu den Ursprüngen des slawischen Christentums führt und zu dem Ausmaß seiner tiefen Verwurzelung im kulturellen Umfeld, das aus Byzanz, genauer gesagt aus Konstantinopel, von den Ufern des ruhmreichen Bosporus stammt und den Sonnenstrahlen, die dort auf den Wellen tanzen.

Kiew hat die Anfänge der russischen Zivilisation geprägt. Dort begannen die Russen mit Hilfe der emsigen Sorgfalt der hellenischen Mönche und ihrer gesegneten Schüler die Grundsteine ihrer eigenen Zivilisation, ihrer Bücher, ihrer Architektur und ihrer Ikonen zu legen, in deren Farben Licht wohnt und Sinn aufscheint.

Daher wird der Angriff, den der Herr des Kremls heute auf seinen Nachbarn, auf seine »verwundbare Flanke«, wie manche Dummköpfe es nennen würden, führt, nicht nur an politischen und wirtschaftlichen Interpretationen gemessen; sondern darüber hinaus geht es um weitreichende kulturelle Konsequenzen.
Tatsächlich ist die Zerstörung von Zivilisationen weder eine vorübergehende Angelegenheit, noch ist sie eine unvermeidliche Folge eines unvermeidbaren Krieges.

Es wird gesagt, dass diejenigen, die Beirut zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) zerstörten, Landbewohner waren, die einen Groll gegen diese wunderbare Stadt hegten, weil ihnen so viel Reichtum, Glanz und Wahnsinn, die diese Stadt bot, Übel aufstießen und sie verwirrten.

Man sagt, die Schönheit von Paris habe sie gerettet, als ein rebellischer Nazi-Offizier sich weigerte, dem Führer zu folgen und die Stadt niederzubrennen, die im Garten ihrer Lieblichkeit schlief, als die Zeichen des Nazi-Untergangs sichtbar wurden.

Sicherlich lohnt es sich auch, nach denjenigen zu fragen, die sich an Homs, Aleppo und Damaskus rächen wollten, diese deshalb brutal entstellten und in ihren bis in die Antike zurückgehenden Vierteln ein Zerstörungswerk anrichteten.

(Bildquelle: Ouroboros, der Drache, der sich selbst auffrisst. Zeichnung von Theodoros Pelecanos, Jahr 1478)

Was den neuen Zaren von heute betrifft, so übt er Rache an den Quellen seiner eigenen Geschichte.
Er zielt auf die Geographie, in der die Zivilisation seines eigenen Volkes erblühte, obwohl sein Krieg gegen die Ukraine im Namen des russischen Nationalismus geführt wird.
Aber es ist ein zwiespältiger Nationalismus aus den alten imperialen Träumen und der Arroganz der sowjetischen Ideologie, der Herr Putin seit seiner Jugend gedient hat.

Offensichtlich kennt er die Geschichte schlecht, denn unbelehrbare Ignoranten lesen nicht.
Selbst wenn er nur einen Bruchteil der Geschichte seiner Nation gelesen hätte, würde sein Hass ihn daran hindern, sich mit Ehrfurcht vor allen Ukrainern zu verbeugen, die an der Schaffung derselben russischen Identität beteiligt waren, auf die er heute so stolz ist.

Er hat sich selbst eingeredet, dass das ungeschickte Festhalten an dieser Identität den früheren Ruhm Russlands wiederherstellen oder seine Bedürftigen mit Brot versorgen kann.

(Bildquelle: Die Verklärungskathedrale von Odessa nach ihrer Bombardierung in der Nacht zum 23.07.23 )

Als der Herr Zar von seinem hohen Turm herab, stark auf seine Armee gestützt, bedrohlich drohend die Invasion der Ukraine befahl, war er wie jemand, der sich nach einer längst vergangenen Ära zurücksehnte, die die Entstehung der Sowjetunion ermöglichte und es einer Handvoll Tyrannen erlaubte, die Freiheit der Menschen zu verachten und ihre Träume von Irkutsk bis Kabul mit Füßen zu treten.

Herr Putin hat nicht mitbekommen, dass die Berliner Mauer inzwischen nur noch eine Touristenattraktion ist und dass die Geschichte sich nicht zurückdrehen lässt.
Das Wichtigste an der neuen Zarenkulisse ist jedoch, dass er der erste Tyrann ist, der einen Krieg gegen seine eigene Geschichte, seine eigene Zivilisation und gegen sich selbst führt, und zwar indem er die authentischste Stadt in der Geschichte des russischen Volkes zerstört, auch wenn es heute die Hauptstadt der Ukraine ist …

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  1. Jes 53,1; zitiert auch in Joh 12,38 und Röm 10,16. ↩︎