Zeit, die orthodoxe Klammer zu schließen … | Prof. Dr. Assaad Elias Kattan

• Zusammenfassung des Beitrags1: Prof. Dr. Assaad Elias Kattan (Uni. Münster) blickt auf das Verhältnis von Orthodoxer Kirche und (jeweiligem) Staat, als dessen vermeintliches Ideal die »Symphonia« (Ein- bzw. Zusammenklang) zwischen beiden gilt. Er ermuntert die Kirche, sich aus dieser historisch gewachsenen Umklammerung zu lösen, um der Gefahr politischer Instrumentalisierung zu entgehen. •

Ein Freund, der eine weltbekannte orthodoxe intellektuelle Institution leitet2, behauptet, dass die Orthodoxen die Klammer schließen müssen, die sie nach dem Fall von Konstantinopel im Jahr 1453 offengelassen haben.
Was bedeuten diese Worte, die auf den ersten Blick fremd, aber zugleich nicht bedeutungslos erscheinen?

Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass die Mehrheit der orthodoxen Kirchen und vor allem die slawischen Kirchen in Russland, in der Ukraine, in Serbien, in Bulgarien sowie in Rumänien aus der Herzkammer des Byzantinischen Reiches hervorgegangen sind.

Die Hagia Sophia von Konstantinopel / Istanbul im heutigen Zustand
(Bild: Arild Vågen, CC BY-SA 3.0)

Byzanz, das Oströmische Reich, stellte einen wissenschaftlichen und intellektuellen Raum sowie eine kulturelle und spirituelle Präsenz dar, die weit über das heutige Griechenland hinausging, auch wenn die Sprache, die es seit dem siebten Jahrhundert verwendete, Griechisch war, nachdem Latein nach und nach als Amtssprache in der Verwaltung und der Armee aufgegeben worden war.

Während des 14. Jahrhunderts, also nachdem 1204 der Vierte Kreuzzug Konstantinopel geplündert hatte und die Osmanen die meisten östlichen Provinzen des Reiches ausgenommen hatten, glänzte die Stadt am Goldenen Horn weiterhin intellektuell und kulturell.

Seine Gelehrten erforschten das philosophische Erbe des antiken Griechenlands auf innovative Weise, seine Künstler und Ikonographen erfüllten Griechenland und Italien mit dem Leuchten, das von den Gesichtszügen des Jesus von Nazareth ausging.

Mit dem Fall Konstantinopels wanderten viele seiner Gelehrten und Philosophen in den Westen aus, vor allem nach Italien. Sie nahmen die wissenschaftlichen Errungenschaften ihrer Hauptstadt sowie hunderte antiker Manuskripte mit.
Dadurch halfen sie erfolgreich, den Grundstein für die europäische Renaissance zu legen.

Tatsächlich ist es kein Zufall, dass diese Renaissance vom südlichen und mittleren Italien ausgegangen ist. Die entscheidenden Impulse kamen jedoch vom Ufer des Bosporus.

Hinzu kommt, dass sich ein Teil der politischen und künstlerischen Elite Konstantinopels im heutigen Rumänien sowie auf russischem Territorium niederließ, dessen Kulturhauptstadt das heutige Moskau, die Erbin Kiews, wurde.

Dennoch führte der Fall von Konstantinopel zur Schwächung und zum Niedergang der im Schoß von Byzanz schlafenden Orthodoxie. Dieser Niedergang ist wahrscheinlich auf zwei Faktoren zurückzuführen:

Einerseits auf den Zusammenbruch der politischen Struktur, die jahrhundertelang die Säule der religiösen Orthodoxie darstellte.

Tatsächlich kannte Byzanz die Trennung zwischen politischer und religiöser Macht nicht, weil der Kaiser die Rolle sowohl des Beschützers der Kirche als auch des Hüters ihrer Rechte einnahm.

Hierbei folgte er der Idee der Symphonia, die sich als Übereinstimmung sowie Ergänzung zwischen dem Kaiser und dem Patriarchen verstand.

Es sollte jedoch klargestellt werden, dass diese Vereinbarung keine Gleichheit zwischen ihnen bedeutete, sondern die Vorrangstellung dem Ersten zuerkannte, so dass das letzte Wort meist dem Kaiser zustand, z.B. bei der Wahl des Patriarchen.

Der zweite Faktor war eine verkrampfte Beziehung mit dem Christentum des Abendlandes nach der Invasion von Konstantinopel durch die Kreuzritter im Jahr 1204. Zweifellos haben die Byzantiner die Beziehungsverhältnisse zwischen dem römischen Papst und den Fürsten des Abendlandes falsch interpretiert.

Diese legten keinen Wert darauf, die unterbrochenen Beziehungen zwischen dem östlichen und dem westlichen Christentum wieder aufzunehmen. Sie zogen es vor, eher ihre wirtschaftlichen Interessen an den Mittelmeerküsten zu verfolgen, als dem alten, zum Sterben verurteilten Ostreich zu helfen.

Die Aufgabe Konstantinopels durch die europäischen Fürsten und der Verzicht, es mit einer starken Armee zu unterstützen, machten die Byzantiner misstrauisch gegen alles, was aus dem Westen kam, einschließlich seines kulturellen Beitrags.

Konstantinopel fiel, und das christliche Abendland stieg zum Beherrscher des Wissens auf, dessen Wurzeln bis zu dem gehen, was wir den mittelalterlichen »Sprung« nennen könnten, insofern miteinander in Beziehung stehende Universitäten von den nördlichen Mittelmeerküsten bis zu den britischen Inseln gegründet wurden.

Die Orthodoxen schlossen sich diesem geisteswissenschaftlichen Sprung nicht an aufgrund der Verschiebung der politischen Verhältnisse des byzantinischen Imperiums und wegen ihres Abrückens vom Abendland, obwohl Byzanz, wie beschrieben, einen herausragenden Beitrag zur Entstehung der europäischen Renaissance leistete.

(Symboldbild: Kirche und Staat zusammen – oder doch besser getrennt?)

Als die Zeit der Aufklärung im Abendland im 18. Jahrhundert anbrach und ihre Denker eine notwendige Trennung zwischen Politik und Religion forderten, litt die Orthodoxie noch immer unter der Zersplitterung ihrer alten Welt, die auf der Eingliederung der Kirche in den Staat beruhte.
Sie beugte sich dem übertriebenen Kritizismus des Westens, der sich wissenschaftlich, intellektuell und gesellschaftlich immer weiterentwickelte.

Hier kommen die Worte ins Spiel, die der orthodoxe Freund ständig wiederholt: Es ist Zeit, dass die Orthodoxen die Klammer schließen, die seit dem Fall von Konstantinopel offensteht; d. h., dass sie die westliche Moderne nicht mehr mit Argwohn betrachten und heute an der globalen Zivilisation teilhaben, ihren Minderwertigkeitskomplex aufgeben und ihre Wunden aus der Geschichte mit dem Öl der Auferstehung des Nazareners aus den Tiefen des Todes heilen.

Zweifellos lassen sich die Anforderungen der Beziehung zwischen Orthodoxie und Moderne auf vielen Ebenen benennen. Diese Anforderungen bedürfen einer gründlichen Reflexion und lohnen sich, in einem größeren Kontext betrachtet zu werden.

So wurde beim aktuellen Krieg gegen das Territorium der Ukraine speziell auf die gegenseitige Verquickung von politischer und religiöser Macht verwiesen, die sich nicht nur im Kreml findet, sondern im gesamten orthodoxen Raum von Moskau – über Damaskus bis Kairo – bis Athen und darüber hinaus.

Wie mein Freund Dr. Antoine Courban3 in einem seiner letzten auf Französisch veröffentlichten Artikel schrieb, ist die Idee der byzantinischen Symphonia einfach am Ende, und ihr Scheitern hatte sich angekündigt.
Tatsächlich riskiert eine Kirche, die ins politische Kalkül verstrickt ist, die unvermeidliche Unterwerfung unter die Politik in einer vom Machtgleichgewicht zwischen Politik und Wirtschaftsinteressen geprägten Welt.
Dies geht auf Kosten des Evangeliums, das die Unterdrückten dieser Welt verteidigt und Fremde, Arme, Hungernde und Kranke liebt.

Es ist Zeit, dass die Orthodoxen die Art und Weise der Beziehungen zwischen Kirche und Staat überdenken.
Die Zeit ist für die orthodoxen Kirchen gekommen, um den Flirt mit dem Staat auf der Jagd nach Privilegien und Sonderrechten aufzugeben zugunsten eines Modells der Neutralität, bei dem der Staat dieselbe Distanz zu allen Religionen, Rassen und Ethnien wahrt.

Ja, es ist nun wirklich Zeit, die Klammer, die die Orthodoxen 1453 offengelassen haben, zu schließen.

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1 Dieser Beitrag von Prof. Dr. Assaad Elias Kattan (Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie, Universität Münster) erschien in der arabischen Online-Zeitung Almodon am 19.06.2022 (abgerufen am 20.08.23). Die deutsche Übersetzung wurde freundlicherweise vom Autor durchgesehen und genehmigt.

2 Anm. des Autors: Gemeint ist Dr. Pantelis Kalaitzidis, Direktor der Volos Academy for Theological Studies in Griechenland.
Anm. d. Übers.
: Siehe zur Thematik auch seinen Beitrag Orthodox Theology Challenged by Balkan and East European Ethnotheologies (in: Politics, Society and Culture in Orthodox Theology in a Global Age, Eastern Church Identities, Volume: 11, hg. v. Hans-Peter Grosshans und Pantelis Kalaitzidis, Paderborn: Brill Schöningh 2023, 108-159; der Sammelband ist als PDF herunterladbar).

3 Anm. d. Übers.: Prof. Antoine T. Courban ist Professor sowohl für Medizin als auch für Philosophie der Geschichte und Wissenschaftsphilosophie.
Gemeint ist vermutlich der Artikel Les nations sacralisées des terres saintes (in: Ici Beyrouth vom 21.03.2022). Darin heißt es zur Symphonie zwischen Kirche und Staat: „Le pontife de Moscou (Cyrille) travaille en « symphonie » avec le chef national commun (Poutine) afin de consolider moralement, culturellement et spirituellement cet espace de civilisation distinct de tous les autres […] La vision de Douguine, de Poutine et du patriarche Cyrille est un communisme soviétique revêtu d’un mince vernis d’orthodoxie byzantine purement formel, sans autre substance que la volonté et la politique de puissance“.
Siehe auch seinen Beitrag A Muscovite Crusade, Daesh Style? zum Narrativ, die russische Militärinvasion in Syrien sei ein „Heiliger Krieg“ (in: Echos de l’Agora, L’Orient vom 02.10.2015).