Ein Appell an die Verhältnismäßigkeit – Versuch, einige Worte des Herrn in diesen schwierigen Zeiten zu aktualisieren. Ehre sei Ihm.
— Überarbeitet am 09.11.23 —
[Kommentar des Übersetzers: Dieser Beitrag von Prof. Dr. Assaad Elias Kattan (Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie, Universität Münster) erschien in der arabischen Online-Zeitung Almodon am 13.12.20201.
Die deutsche Übersetzung der französischen Version „Un pays est-il gouvernable à partir du Sermon sur la montagne ?“ wurde von ihm durchgesehen und zur Veröffentlichung freigegeben.
Der Kontext dieses Beitrags war damals, als er zuerst erschien, ein anderer als nun nach dem 7. Oktober 2023, nachdem Terroristen der Hamas über 1300 Menschen in Israel – darunter wohl auch palästinensische Jugendliche auf einem Festival – auf brutalste Weise ermordet haben.
Bei den Kampfhandlungen als Reaktion auf diesen Angriff wurden in dem meist von Pälestinensern bewohnten Gaza-Streifen vom israelischen Militär bisher nach einigen Angaben rund 9000 Menschen – ebenfalls brutalst, obgleich überwiegend nicht gezielt – getötet (überwiegend Zivilisten, also Nicht-Kombattanten nach dem Völkerrecht) und ca. 20000 verletzt – viele von ihnen Kinder und Frauen.
Auch palästinensische Christen sind von den Zerstörungen betroffen. So wurden z. B. am 19. Oktober 2023 Menschen, die auf dem Areal der Kirche des hl. Porphyrios in Gaza-Stadt, einer der ältesten Kirchen der Christenheit, Schutz suchten, getötet oder verletzt, als Teile der Nebengebäude der Kirche durch Bombardierung zerstört wurden.
Im fernen Westen müssen wir verschiedene Gefahren vermeiden: Angesichts des Leids fassungslos zu verstummen, Leid mit Leid zu vergleichen oder gar Menschenleben gegenseitig aufzurechnen und vor allem vorschnell zu moralisieren. Dieser Beitrag will daher auf das Leid aller betroffenen Menschen auf beiden Seiten der gemeinsamen Grenze aufmerksam machen, ohne politisch oder parteiisch Stellung zu nehmen.
Die Bergpredigt weist nach christlicher Ansicht – auch aufgrund ihrer zeitlosen und menschlichen Allgemeingültigkeit – einen Ausweg aus der Eskalationsspirale der Gewalt. Daher wurde der ursprüngliche Titel „Regieren mit der Bergpredigt?“ aktualisiert und unter dem neuen Titel „Re(a)gieren mit der Bergpredigt“ zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht.]

Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt soll einmal gesagt haben: „Man kann ein Land nicht mit der Bergpredigt regieren.“2 Damals stürzten sich in Deutschland viele auf die Bibel, um die Predigt Jesu des Nazareners „auf dem Berg“ nachzuschlagen und ihre Botschaft kennenzulernen.
Obwohl diese Predigt, die im Matthäusevangelium (Kapitel 5 – 7) steht, die berühmteste des Sohnes Gottes ist, war sie vielen in Deutschland nicht bekannt oder bewusst. Manche hatten sie zuvor wohl im Religionsunterricht gehört, dann aber schnell wieder vergessen.
Wer die Bergpredigt kennt, weiß, dass sie die ethische Höchstforderung im Heiligen Buch der Christen darstellt. Denn es ist die berühmte Stelle, die von der Liebe zu den Feinden spricht und davon, demjenigen die andere Wange hinzuhalten, der einen auf die rechte Wange schlägt.
Dies bringt die Möglichkeit der Gewaltlosigkeit zum Ausdruck, entlarvt den Angreifer und heilt gleichzeitig seine Aggression – durch eine mutige und offene Haltung, die sehr oft dazu führt, dass die Psychologie der Gewalt bereits an der Wurzel behandelt wird. Mit solch „verrückten“ ethischen Grundsätzen wie diesen kann man kein Land regieren. In diesem Sinne hatte der deutsche Bundeskanzler damals Recht.
Die Bergpredigt enthält jedoch auch wichtige Worte über Barmherzigkeit und Mitgefühl, über Gott, der seine Sonne sowohl über Gerechten als auch über Böse scheinen lässt [vgl. Mt 5,45], sodass sie in seinen Augen gleich an Würde sind.
Diese Worte Jesu über „seinen Vater“, der im Himmel ist, widerlegen die alten Vorstellungen eines Gottes, der die Guten in dieser Welt belohnt und die Bösen bestraft.
In der Bergpredigt sind Gott die Menschen wichtiger als die Lilien auf dem Feld, obwohl diese schöner sind als der Schmuck des Königs und Propheten Salomo in seiner Herrlichkeit [vgl. Mt 6,28f.].
Sicherlich geht es in der Bergpredigt nicht um Politik im engeren Sinne. Doch einige Passagen scheinen aktueller zu sein als jede politische Rede, die wir heute hören:
„Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen! — und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen!“ (Mt 7,4f.).
Wenn wir versuchen, diese Worte des Nazareners in die heutige Sprache zu übersetzen, können wir sie als Appell an den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verstehen, sei es bei ethischen Handlungen oder bei ethischen Beurteilungen.
Wir können große Abweichungen nicht mit kleinen Abweichungen gleichsetzen. Nach derselben Logik ist es nicht zulässig, das strukturelle Übel (z. B. die von einer politischen Macht ausgeübte Unterdrückung) und das, was die Form einer Reaktion auf diese Gewalt annimmt (den gewaltsamen Aufstand eines Volkes gegen diese Unterdrückung), als zur gleichen Kategorie des „Bösen“ zugehörig zu betrachten.
In den Worten Jesu sind der Balken und der Splitter ein Musterbeispiel für dieses Missverhältnis. Diese Rede ist ein Appell, bei moralischen Urteilen unbedingt das Prinzip der Angemessenheit zu wahren und über den Anschein hinauszugehen, um das Wesen der Dinge zu erreichen.
Demonstranten, die zur Gewalt (und natürlich zu Beleidigungen) greifen, stehen in den Worten Jesu auf der Splitter-Seite. Der Balken ist gleichbedeutend mit strukturellem Übel, das beispielsweise seinen Ursprung in der Korruption sowie Tyrannei der Führer und ihrer Unterdrückung der Schwachen hat. Politiker gehören der Welt der Balken an, und die Unterdrückten erheben sich aus der Welt der Splitter.
Allerdings geht Jesus in seinem Gleichnis über die Menschlichkeit des Menschen noch weiter, indem er bekräftigt, dass der, der den Balken hat, und der, der den Splitter hat, Brüder sind, und dass der Erstgenannte in der Lage ist, den Balken aus seinem Auge zu entfernen. Dies ermöglicht es ihm, die Dinge besser zu „sehen“ und demjenigen mit dem Mangel zu helfen, seine harmlosen Fehler auszumerzen.

In Jesu Projekt gibt es keinen Platz für die Unterdrückung des Anderen und für einen sozialen Raum ohne gegenseitige Solidarität. Das Grundprinzip des Nazareners, das auf der Gleichheit der Menschen ihrer Würde nach in den Augen Gottes beruht [vgl. auch Röm 2,11], ist umfassender als die von Menschen erfundenen Kategorien, um diskriminierende Strukturen zu rechtfertigen, die es ihnen ermöglichen, sich gegenseitig auszubeuten.
Es überschneidet sich zweifellos mit gesellschaftlichen und politischen Ansätzen, die der Menschenwürde einen hohen Stellenwert einräumen und die Menschen zu gegenseitiger Hilfe und sozialer Solidarität auffordern, um rassistische Tendenzen und Systeme zu überwinden, die Rasse, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit verherrlichen.
Kein Land kann mit der Bergpredigt regiert werden. Aber sie gibt uns große Impulse für die Wendungen politischer Praktiken, wenn wir bedenken, dass Ethik der Bezugspunkt der Politik ist.
In Wahrheit hat die Politik keinen anderen Bezug, unabhängig von den Bemühungen derjenigen, die sie ausüben und sie zu einem Instrument machen, um Menschen zu beherrschen und ihnen ihre Rechte zu entziehen.

__________________________________
1 https://www.almodon.com/culture/2020/12/13/هل-يحكم-بلد-بالعظة-على-الجبل
2 Dieses Zitat wird Otto von Bismarck, deutscher Reichskanzler von 1871 bis 1890, zugeschrieben.
Helmut Schmidt, deutscher Bundeskanzler von 1974 bis 1982, griff es indirekt auf, als er mit Hinweis auf die Bergpredigt während des Evangelischen Kirchentags 1981 das Engagement von Kirchenleuten in der Friedensbewegung kritisierte:
„Ich habe das als Beispiel benutzt dafür, dass die Bergpredigt keine Handlungsanweisung für den Umgang mit einer Supermacht darbietet.“ (https://www.deutschlandfunkkultur.de/helmut-schmidt-und-die-religion-ein-urprotestant-mit-100.html)
