Baläus von Kenneschrin (Balai von Qenneshrin) (ca. 400 – 460)
( ܒܠܝ ܕܩܢܫܪܝܢ/ بالاي اسقف بالش)
Als frühe Quelle über Baläus bzw. Balai ist nur eine Notiz aus dem 6. Jahrhundert vorhanden, die knapp erwähnt, dass er das Amt eines Chorepiskopos – also etwa eines wandernden Weihbischofs – bekleidet habe.
Schon bleibt unklar, in welcher Diözese, doch legen ein Hymnus aus Anlass einer Kirchweihe in Kenneschrin (Qenneschrin / Qinnasrin, 25 km süd-westl. von Aleppo; Arabisch: قنسرين; Syrisch: ܩܢܫܪܝܢ), was wörtlich „Adlerhorst“ bedeutet (vgl. Landersdorfer 63), und mehrere Lobgedichte auf den hochverehrten Bischof Akakios von Beröa bei Aleppo (vgl. Landersdorfer 73-77) nahe, dass er einem von beiden benachbarten Bistümern angehörte.
Nach Bar Schuschan war er Bischof von Balsch (Perpalisus), dem heutigen Maskanah im Südosten von Aleppo. Auch als Chor-Bischof von Aleppo wird er gelegentlich geführt.
Da er ferner in einem Gedicht über den Tod des im Jahr 459 verstorbenen Simeon Stylites schreibt, muss er mindestens solange gelebt haben. Es lässt sich mit weiteren Gründen 460 als sein Todesjahr annehmen (vgl. Landersdorfer 59).
Balai ist ein Heiliger der rum-orthodoxen Kirche: „Dass Baläus stets der katholischen [sc.: im Sinne von „allumfassenden“] Kirche angehört hat, kann nicht bezweifelt werden. Denn die monophysitische Häresie kann er gar nicht mehr erlebt haben; dass er aber vom Nestorianismus frei blieb, beweisen die Loblieder, die er dem Andenken des Bischofs Akazius gewidmet hat“ (Landersdorfer 62).
Allerding deuten seine liturgischen Gebet heute eher auf eine Verwendung im westsyrisch-jakobitischen Ritus der syrisch-orth. Kirche hin. Doch war – wie bereits oben erwähnt – in jener früheren Zeit die heutige byzantinisierte Gestalt der Göttlichen Liturgie in Syrien noch unbekannt, vielmehr war diese ja, historisch richtig betrachtet, als westsyrische Liturgie in griechischer Sprache aus der Theologenschule von Antiochia nach Konstantinopel gelangt (nicht umgekehrt):
„Nach der Kirchentrennung, in Folge des Reichskonzils von Chalkedon 451, wurde die griechisch-sprachige Liturgie von Antiochien [sc: in der syr.-orth. Kirche] ins Syrische übersetzt und diente als Modell für die Reformierung der syrischen Liturgie […] Die melkitische [= rum-orth.] Kirche folgte bis zum zehnten Jahrhundert der antiochenischen Liturgie, die aber dann während der byzantinischen Besetzung von Nordwest-Syrien 964-1094 durch den byzantinischen Ritus fast vollständig ersetzt wurde. Vieles, was sie damals mit dem syrisch-orthodoxen Ritus gemeinsam hatten, gaben die Melkiten auf und ersetzen es durch Elemente der byzantinischen Liturgie, die ins Syrische übersetzt wurden“ (Shemunkasho 156f.).
Im Hinblick auf Balais dichterisches Schaffen hält Landersdorfer fest: „Baläus scheint ein sehr fruchtbarer Dichter gewesen zu sein, obwohl ein großer Teil seiner Dichtungen verloren ist. Handschriftlich sind dieselben, soweit sie erhalten sind, in den kostbaren Sammlungen von London, Oxford, Paris und Berlin, ebenso in der Bibliotheca Medico-Laurentiana in Florenz und in der Vaticana überliefert. Phenix nennt ihn „the earliest extant author of Syriac who lived west of the Euphrates“ (Phenix 56).
„Häufig wird der Name des Dichters gar nicht erwähnt“, so Landersdorfer weiter, „sondern lediglich das Versmaß bezeichnet, und zwar nach den Anfangsworten einer nach der gewöhnlichen Annahme von ihm herrührenden, überaus häufig zitierten Strophe im fünfsilbigen Metrum: »Der Du Dich der Sünder erbarmst«.
Da sich unser Dichter fast ausschließlich dieses Versmaßes bediente, wurde die genannte Bezeichnung mit Vorliebe für seine Dichtungen benützt, wie es auch zahlreiche Gebete gibt, die in einer Quelle seinen Namen, in einer anderen aber nur jene auf das Metrum bezogene Überschrift tragen“ (Landersdorfer 59f.).
Es gibt im Beth Gazo, der oben beschriebenen Syrischen Schatzhöhle, einige wenige Gedichte und Predigten, die ihm zugeschrieben werden, aber vielleicht ist auch hier wieder der Names des Versmaßes und nicht der Autors selbst gemeint.

Balai soll abschließend selbst zu Wort kommen mit einer wunderbaren Passage, in der es um den Stern von Betlehem geht. Ist es ein Stern mit zweierlei Aussehen, der die Magier leitete? Oder ein Doppelstern, ein Algol, dessen gewöhnliche astrologische Drohbotschaft hier einer Frohbotschaft weichen muss? Geht es bei dieser stellaren Metapher gar um eine Illustration der antiochenischen Frage der Theologie des 5. Jahrhunderts, nämlich der Zwei-Naturen-Lehre? Der Autor sagt es selbst: Der eine Stern für die offenbare menschliche Natur Jesu, der andere aber für seine geoffenbarte göttliche Natur. Sind im Stern somit beide Naturen ungetrennt, aber auch unvermischt (vgl. Klein 22-25)? Fragen, die an dieser Stelle keine Antwort erhalten könnten.
Balai schreibt: „Der Stern verbarg sich oben für eine Weile, als die heiligen Schriften auftraten und statt seiner redeten; er schwieg am Himmel, als er sah, wie die Schriftgelehrten seine Geheimnisse den Babyloniern deuteten. Als sie die Bücher aufschlugen, senkte er sein Licht, neigte sich herab und leuchtete in ihren Büchern. Nachdem sie die Bücher geschlossen hatten, zeigte er seine Strahlen wieder den Magiern, welche nur gelernt hatten, was er bedeutete. Jene wanderten auf dem Wege und er am Himmel, jene lasen durch die Schriftgelehrten und er in den Büchern; jene kamen nach Betlehem, da stand er über der Höhle; jene gelangten zur Krippe, da strahlte er in den Windeln.
Sein Stern bezeichnet seine Gottheit und deutet das Verborgene und das Offenbare in ihm an. Dass er den Weg zeigte, bedeutet die Gottheit; dass er sich zur Krippe herab senkte, die Menschheit. Der Himmel trug ihn bis nach Zion; in Judäas Stadt erstrahlte er in den Büchern. Er war in den Büchern und auch am Himmel; denn oben und unten ist er der Herr“ (Landersdorfer 70).
Quellen:
BKV 6 = Ausgewählte Schriften der syrischen Dichter: Cyrillonas, Baläus, Isaak von Antiochien und Jakob von Sarug. Aus dem Syrischen übersetzt von Simon Landersdorfer (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 6), Kempten / München: Kösel 1912.
Baläus (von Aleppo): Ausgewählte Gedichte des Baläus, BKV 6 (s. o.)
Klein, Wassilios: Einleitung, in: Klein, W. (Hg.): Syrische Kirchenväter, a. a. O., 13-30.
ders. (Hg.): Syrische Kirchenväter, Stuttgart: Kohlhammer 2004.
Landersdorfer, Simon Konrad OSB: Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter (= BVK 6, s. o.)
Phenix, Robert R.: The sermons on Joseph of Balai of Qenneshrin: rhetoric and interpretation in fifth-century Syriac literature, Tübingen: Mohr Siebeck 2008.
Shemunkasho, Aho: Der westsyrische Ritus, in: Groen / Gastgeber (Hgg.), 154-184.
