Die folgende Darstellung Ephräms des Syrers referiert im Wesentlich die Beiträge von A. Friedl und K. Pinggéra, wie sie sich in W. Kleins Syrische Kirchenväter finden.
Ephräm der Syrer (um 306 – 373)
(ܡܪܝ ܐܦܪܝܡ ܣܘܪܝܝܐ / مار افرام الملفان السرياني)
Bereits manche Bemerkungen aus dem Vorwort von Overbecks Edition lassen aufhorchen. Von „Reinheit der Lehre“ und „Heiligkeit des Lebens“ des Syrers ist dort die Rede wie auch von Ephräms Verdiensten als erster Kirchenlehrer Syriens:

„Atque S. Ephraemi quidem scripta inedita publicare non inane inceptum esse existimo, quum vir ille non solum sanitate doctrinae vitaeque sanctitate, sed etiam ingenii felicitate eruditionisque altitudine commendatissimus, merito Syrorum primus et Doctor Ecclesiae et Doctor Scholae appelletur“ (Overbeck vii).
Vor der Betrachtung seines Lebens sei ein Ephräm zugeschriebeness Gebet zitiert, mit dem auch S. Brock seine englische Ausgabe der Paradieshymnen beginnt, da viele Orthodoxe es aus dem Triodion kennen:
„Herr und Lehrer meines Lebens, gib mir keinen Geist der Bequemlichkeit, der leeren Neugier, der Herrsucht und der Geschwätzigkeit.
Sondern schenke mir, Deinem Diener, einen Geist der Nüchternheit, der Demut, der Geduld und der Liebe.
Herr und König, gewähre mir, meine eigenen Fehler zu erkennen und meinen Bruder nicht zu verurteilen. Denn Du bist gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.
O Gott, reinige mich Sünder.“
(Ins Deutsche übersetzt aus The Lenten Triodion, translated by Mother Mary and Archimandrit Kallistos Ware, London and Boston 1978, 69f., zitiert nach Brock 7)
Galt Ephräm früheren Jahrhunderten eher als „mehr fromm denn gelehrt“ und seine zutiefst poetische Theologie als schwer verstehbar, so hat sich dieses Bild in der Gegenwart aufgrund der breiteren Erforschung seiner Schriften geradezu ins Gegenteil verkehrt.
Heute gilt er „als einer der größten christlichen bzw. religiösen Dichter, als fraglos größter, nur mit Homer und Cicero vergleichbarer Schirftsteller in der Geschichte der Syrisch sprechenden Kirche, als Pfeiler der syrischen christlichen Literatur und Kultur“ (vgl. Friedl 36).
Oder in deutsche Maßstäbe übertragen, ist er auf der Höhe etwa mit Goethe und Martin Luther, weil er wie dieser geistliche Texte unter populäre Lieder legt („Kontrafaktur“) und die Sprache prägte.
Ephräms Leben
Obgleich es an Quellen über Ephräms Leben nicht fehlt, können die wenigsten als verlässlich gelten. So muss etwa das sog. Testament Ephräms, das Overbeck neu edierte, als spätere legendarische Ausschmückung verstanden werden (vgl. Friedl 37).
Wissenschaftlich gesichert ist, dass Ephräm (syr. afrem) um das Jahr 306 in oder bei Nisibis geboren wurden. Nisibis ist heute das türkische Nusaybin an der östlichen Grenze zu Syrien; in hellenistischer Zeit hieß es auch Antiochia in Mygdonien.
(Mit Nisibis ist ein weiterer Heiliger der syrischen Christen verbunden, nämlich Jakob von Nisibis, der als Eremit aus dem kurdischen Bergland auf die nisibische Kathedra gewählt wurde, auf der er von 309 bis zu seinem Tod 338 als Bischof wirkte. Er hat Ephräm nachhaltig beeinflusst, zumal Jakob als Teinehmer der Synode von Nikäa in seine Gemeinde die Lehren der nikänischen Orthodoxie pflanzte, zu deren Verteidiger später Ephräm wurde.)
Ephräms Eltern dürften bereits Christen gewesen sein. Obwohl die Quellenlage umstritten ist, wird er vermutlich Diakon gewesen sein (vgl. Friedl 38).
Als Bollwerk an der Ostgrenze des römischen Imperiums war Nisibis wiederholt Schauplatz heftiger Angriffe. Bei der Abwehr gegen die Sasaniden verlor Kaiser Julian Apostata 363 mit der Schlacht auch sein Leben.
Seinem Nachfolger Jovianus blieb nur übrig, Nisibis samt anderen östlichen Territoren aufgrund eines Friedensvertages abzutreten. Vermutlich fällt in diese Zeit Ephräms Umzug nach Edessa, dem heutigen Urfa in der Süd-Türkei, westlich von Nusaybin.
Neben Nisbis gilt Edessa als das größere Zentrum der Gelehrsamkeit, insofern es ein Schmelztiegel der hellenistischen, römischen und syrischen Kultur und ein Hort der Vermittlung der klassischen Philosophie war (vgl. Friedl 39).
Die dortige christliche Gemeinde war zwar nur eine kleine Minderheit unter vielen verschiedenen religiösen Gruppen, führte aber ihren Ursprung bis auf die Zeit der Apostel zurück, was sich in der örtlichen Verehrung des Grabes des Apostels Thomas und eines vermeintlichen und später von Eusebius von Caesarea übersetzten Briefes Jesu an König Abgar V. ausdrückte.
Hier in Edessa wurde Ephräm notgedrungen zum christlichen Apologeten, da er Stellung bezog zu den „heftigen Kontroversen“, die „Markoniten, Bardaisaniten, Arianer, Anhomöer, Manichäer u. a.“ untereinander austrugen (vgl. Friedl 39).
„Gleichsam als Gegengift zu Bardaisans Hymnen“ verfasste Ephräm seine Hymnen und Schriftkommentare. Ob die sog. Schule von Edessa tatsächlich von ihm gegründet wurde oder ihn nur als ihren herrausragendster Vertreter führt, ist historisch so offen wie sekundär. Fakt ist, dass die durch ihnen einen Aufschwung erhielt.
Bezeichnend für seine Heiligenlegende ist ein Ereignis, das ihn während einer Hungersnot als Vermittler zwischen den wenigen Reichen und den vielen Notleidenden der Stadt darstellt. Kurz danach starb Ephräm am 3. Juni 373 (vgl. Friedl 39).
Ephräms Werk
Es ist weder möglich noch angemessen, Ephräms Schaffen mit ein paar dürren Worten zusammenzufassen, weshalb dies hier gar nicht erst versucht wird. Glücklicherweise gibt es einige Übersetzungen seiner Werke in moderne Sprachen, so dass – wer mag – selbst ad fontes gehen kann.
Hier können lediglich Anregungen erfolgen, sich mit den syrischen Kirchenvätern und speziell mit Ephräms Schriften zu beschäftigen. Ferner erfolgt der Blick auf Ephräm und die syrischen Väter aus der Perspektive, was Overbeck durch sie über die Orthodoxie erfahren haben mag und was jeder an orthodoxer Theologie wie Frömmigkeit Interessierte über beide erfahren kann.
Seine Werke lassen sich aufteilen in Prosawerke und Poesie bzw. poetische Theologie.
Zur erstgenannten Gattung der Prosawerke gehören
1) die Auslegungen der biblischen Bücher (Exegese) und des Diatesseron (Evangelienharmonie), die Ephräm den Viten nach – dem damaligen Kanon entsprechend – vollständig leistete. Hierbei bediente er sich einer Methode der Auslegung, die sowohl mesopotamische (Themen, Symbole, Wendungen) als auch jüdische Elemente (midraschartig-haggadischer Interpretationsstil) übernimmt.
Hier zeigt sich, dass Ephräms gelegentliche Beschimpfungen und sogar Schmähungen der Juden, die heute als antisemitisch – genauer als antijüdisch, da Ephräm ja selbst Semit war – bezeichnet werden (wobei dieses Adjektiv nicht anachronistisch aufzufassen ist), vor allem die Absicht hatten, die christliche Auslegung von der jüdischen zu unterscheiden, was bezüglich der Schriften der Ersten (Alten) Bundes zu seiner Zeit durchaus noch eine Herausvorderung war. Denn „es ist ein Faktum, dass interessierte Christen in Palästina jüdische (oft sogar spezifisch rabbinische) Auslegungstraditionen kannten. Vermutlich bezogen sie diese Kenntnisse aus den Synagogenpredigten, die zum Leidwesen der Kirchenväter viele Christen gerne hörten“ (Friedl 40f.).
Trotz der Prosa der Exegese „finden sich in seinen Erläuterungen auch poetisch-lyrische Abschnitte, rhytmische Kadenzen sowie kunstvolle rhetorische und stilistische Figuren, verbunden mit der semitischen Vorliebe für Parallelismen und Paradoxa, wie überhaupt sein ganzes Denken Polaritäten bestimmen“ (Friedl 41).
2) die apologetischen (dogmatisch-polemischen) Schriften. „Die Prosarefutationen gegen Markion, Bardaisan und Mani bilden (neben den Hymnen gegen die Irrlehren) die wichtigste Quelle für die Erforschung des Einflusses dieser Lehrer auf die syrische Kirche“ (Friedl 42).
3) Kunstprosa, die im Syrischen griechische Rhetork nachahmte, um besonders in zweisprachigen Gebieten die Ähnlichkeit der beiden Sprachen und Denkweisen zu betonen. Dazu gehören Homilien (Predigten) und der Brief an Publius, einen nicht weiter bekannten Adressaten, mit einer Meditation über das Letzte Gericht.
Daneben steht Ephräms Poesie, die umfasst:
1) Metrische Homilien (memre), also Predigten in einem bestimmten Versmaß, wie sie auch bei anderen syrischen Kirchenvätern beliegt waren.
2) didaktische Hymnen bzw. Lehrgesänge (madrase), die den größten Teil seines Werkes ausmachen und seinen Ruhm als Dichter begründen. Hierzu zählen u. a.:
— Die Hymnen über das Paradies, „die jüdische Traditionen verarbeiten und das rabinische Milieu des frühsyrischen Christentums widerspiegeln“ (Friedl 43)
— die Nisibenischen Hymnen, die neben eschatologischen Themen die Zeitgeschichte reflektieren
— Hymnen gegen Julian, die sich gegen den apostatischen Kaiser (361-363) wie auch gegen das in Nisibis blühende Heidentum wenden
— weitere Hymnen zu dezidiert kirchlichen (zu allen Zeiten im Jahreskranz sowie zur Liturgie) bzw. dogmatischen (gegen Irrlehren, über Buße, Askese, Eva, Maria, die Jungfräulichkeit usw.) Themen
In seinem Stil verschmelzen mesopotamische Metaphern (z. B. der Lebensbaum oder die Lebensarznei) mit der griechischen Rhetorik (die griechische Philosophie kann er jedoch wohl kaum) sowie der biblischen Sprachen.
Doch bleibt er dabei schnörkellos und erliegt nicht der Versuchung eines wortreichen, aber inhaltslosen Herumphilosophierens. Seine – bei den syrischen Kirchenvätern verbreitete – Vorliebe, das Unerklärliche und geheimnisvolle des Glaubens durch Paradoxien zu umschreiben, ist schon erwähnt.
Während in diesem Rahmen leider nicht weiter auf die Bedeutung seiner poetischen Theologie eingegangen werden kann (hierzu sei Friedl 50-53 empfohlen), fasst Friedl kurz und gut zusammen, was Ephräm „unter dem Hören respektive Lesen der Bibel versteht:
a) das Suchen des wahren Sinnes, den eine gesunde [sc.: d. h. eine möglichst spekulationsfreie], vom orthodoxen theologischen Standpunkt ausgehende Exegese anbietet,
b) die persönliche Aneignung in Ehrfurcht vor diesem wahren Sinn und
c) die offene Aufnahme aller Vorstellungen, die der Geist Gottes beim Hören. bzw. Lesen in uns erweckt“ (Friedl 47).
Quellen:
Assemani, Giuseppe Simone (Arabic: يوسف بن سمعان السمعاني Yusuf ibn Siman as-Simani, English: Joseph Simon Assemani, Latin: Ioseph Simonius Assemanus), 1687-1768: Bibliotheca Orientalis Clementino-Vaticana in qua manuscriptos codices Syriacos, Arabicos, Persicos, Turcicos, Hebraicos, Samaritanos, Armenicos, Aethiopicos, Graecos, Aegyptiacos, Ibericos, et Malabaricos, jussu et munificentia Clementis XI Pontificis Maximi ex Oriente conquisitos, comparatos, et Bibliotecae Vaticanae addictos Recensuit, digessit, et genuina scripta a spuriis secrevit, addita singulorum auctorum vita, Joseph Simonius Assemanus, Syrus Maronita (Rome, 1719–1728), vol. I, Romae 1719.
ders.: Ephraemi Syri opera omnia quae extant, Gr., Syr., et Lat., 6 vols. folio (Rome, 1737–1746).
Brock, Sebastian: St Ephrem the Syrian – Hymns on Paradise, introduction and translation by Sebastian Brock, Crestwood, NY: St Vladimir’s Seminary Press, 1990.
Friedl, Alfred: Ephräm der Syrer, in: W. Klein (Hg.), 36-56.
Klein, Wassilios: Einleitung, in: Klein, W. (Hg.): Syrische Kirchenväter, a. a. O., 13-30.
ders. (Hg.): Syrische Kirchenväter, Stuttgart: Kohlhammer 2004.
Landersdorfer, Simon Konrad OSB: Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter (= BVK 6, s. o.)
Overbeck, Julian Joseph: S. Ephraemi Syri, Rabulae episcopi Edesseni, Balaei aliorumque opera selecta e codibus Syriacis manuscriptis in Museo Britannico et Bibliotheca Bodleina asservatis primus ed. J. Josephus Overbeck, Oxonii: E typographeo Clarendonian 1865.
Pinggéra, Karl: Rabbula von Edessa, in: W. Klein (Hg.), 57-70.
