Zum 170. Geburtstag und 100. Jahrestag seines Entschlafens

Die antiochenische „Liturgiereform“ beim Übergang vom 19. ins 20 Jahrhundert – d. h. der Wechsel der Liturgiesprache vom Altgriechischen ins Hocharabische – erforderte eine gewaltige Anstrengung, nämlich nichts Geringeres als die vollständige Übersetzung aller liturgischen Bücher ins Arabische.

Doch damit nicht genug, mussten die neuen Texte auch den weiterhin gesungenen byzantinischen Melodien angepasst werden. Dies ging nicht immer, ohne dass genuin Neues entstand, das nicht nur Ausdruck des erstarkten kirchlichen Selbstbewusstseins des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Antiochien war, sondern auch Teil seiner heutigen Identität wurde.

Metropolit Athanasios Atallah (1853-1923)

Als herrausragender, aus der Tradition schöpfender und zugleich kultureller Über-Setzer, der sich dieser Herkulesarbeit annahm, leistete einer der Metropoliten von Homs, des antiken Emesa, Athanasios / Athanasius Atallah (11.03.1853-23.11.1923), Gewaltiges. Zurecht wird er wegen der gelungenen Harmonisierung von Text und Musik auch als „Komponist“ bezeichnet.

Aus einer ausführlichen arabischen Online-Biographie, die dank virtueller Übersetzung auf Englisch oder Deutsch lesbar gemacht werden kann, sollen hier allein drei für seinen Weg besonders wichtige Aspekte herausgegriffen werden:

  1. Als Hierodiakon verhalf er dem Grundschüler Rafla Hawaweeny, dem späteren heiligen Raphael von Brooklyn, zu einem Stipendium und ebnete somit dessen Berufung als Priester, Bischof und Heiliger den Weg.
  2. Wegen seiner Stimme wurde er die „Nachtigall / Bülbül der Levante“ (بلبل الشام) genannt.
  3. Als Bischof von Homs gründete er die heute noch existierende private orthodoxe Schule Al Ghassaniah in Homs.

Ein anschauliches Beispiel seiner Arbeitsweise ist die beliebte Komposition des Koinonikons zum Lazarussamstag bzw. zur Prozession am Palmsonntag افرحي يا بيت عنيا („Freu Dich, freue Dich, oh Bethanien“) auf der Basis der Melodie „An’am allah sabaahi“ im sechsten Ton 6 (Hijaz Kar).

Vom dem, was Vergleichbares in griechisch-orthodoxen Gemeinden des Ökumenischen Patriarchats gesungen wird (etwa am Lazarussamstag Στιχηρά αίνων Aνάστασις και ζωή oder am Palmsonntag Εὐλογημένος ὁ ἐρχόμενος, „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“), unterscheidet es sich merklich dadurch, dass die Charmolipi (χαρμολύπη), die „Freudentrauer“, der Karwoche deutlich hör- und spürbar ist.

Hier auf Arabisch mit englischem Untertitel (Text s. u.):

Arabischer Text (Audio):




افرحي يا بيتَ عنيا نحـوكِ
وافى الإلهْ من بِهِ الأمواتُ تَحيا كيفَ لا وهو الحياة








إن مرتا استقبلتْهُ ببكـاءٍ و عويـلْ وشكتْ لمَّا رأتْهُ شدةَ
الحزنِ الطويلْ










صرخت بالحالة ربي … أنت عوناً للرفيق
فا أعني إن قلبي …. ذاب من فقد الشقيق














قال كفِّي عن بكاكِ ودعي هذا النحيبْ واعلَمي أنَّ أخاكِ سوفَ يحيَا عنْ قريبْ












ثمَّ نحوَ اللَّحدِ بادرْ ذلكَ
الفادي الأمينْ حيثُما نادَى لعازرْ انهضَنْ يا ذا الدَّ‍فينْ












أيُّها الأختانِ هيَّا وانظُرا الأمرَ العجيبْ عادَ مَنْ في اللَّحدِ حيَّا فاشكُرا الفادي الحبيبْ













لك يا رب البرايا نحن نجثو بخشوع اننا موتى الخطايا بك نحيا يا يسوع

افرحي يابيت عنيا …. نحوك وافى الإله
من به الأموات تحيا …. كيف لا وهو الحياه

Umschrift in lateinischen Buchstaben:



ifrichi ya beiteunyana nhwak wafa al’illah min bih alamuat tutach ya keif la wahu alchaya





inna Marta astqbalth bibuka‘ w ewil waschakat lamma ra’ath schidat alhzn altwil






surikhat bialhalat rabiy … ‚ant eunaan lilrafiq
fa aeni iina qalbi …. dahab min faqd alshaqiq









qal kuffi ean bkak wadaei hdha alnchib waelami ann akhak sauf yachya en qryb









thum nachw alllahd badr dhlk alfady al amin cheithuma nada lazar anhdan ya dha aldda‍fyn








ayuhal’ akhtan haya wanzura al’amir alejib qam min fi allahad haya, waschkura alfadi alchbib









lak ya rabu albaraya nachnu najthu bikhushue ‚inana mautaa alchataya, bik nachyanaan ya Yusue

Deutsche Übers. nach Oleksandr Petrynko (Audio):

Freu‘, freue dich, Bethanien.
Siehe, Gott kommt heute zu dir. Er erweckt die Toten wieder zum Leben; so ziemt es sich, denn das Leben ist Er.

Und Martha eilt Ihm entgegen mit der Trauer Tränen im Gesicht, und sie schüttet Ihm aus ihren Herzens Schmerz, laut ist ihre Klage:
Wehe mir!



Ohne Zögern erhebt sie ihre Bitte zu Ihm: Du, mein barm-herziger Herr, Du, mein Herr, durch den schweren Verlust meines Bruders Lazarus wird mir das Herz gebrochen: Hilf mir!

Jesus sagt ihr: Lass ab vom Weinen, beende dein Klagelied. Denn dein Bruder, mein Freund Lazarus, sehr bald wird er wieder leben, er wird leben.




Dann geht er, der treue Heiland, zu dem Grab, in dem ruht Sein Freund, und Er ruft zu ihm, dem vier Tage Toten, mit Seiner klaren Stimme: Lazarus, steh‘ auf!

Schnellen Fußes nun kommet, ihr Schwester, zu schauen die wunderbare Tat! Eurer Bruder kehrt wieder zum Leben zurück. Euch gibt ihn Jesus wieder, Er leert sein Grab.


Dir, dem Herr und Retter der Schöpfung, gebühren unsre Ehrfurcht und Dank, denn uns allen, den Toten der Sünden wegen, gewährst Du, guter Gott, das Leben in Dir.

Englische Übers. (Audio):



Rejoice, rejoice,
O Bethany!
On this day God came to thee,
And in Him the dead are made alive,
As it is right for He is the Life.


When Martha went to receive Him,
Grieving loudly with bitter tears,
She poured out the sorrow of her heart to Him
With great sadness, wailing her lament.

She at once cried out unto Him:
„My most com-passionate
Lord, my Lord,
At the great loss of my brother Lazarus
My heart is broken, help me.“



Jesus said to her, „Cease your weeping,
Cease your grieving and sad lament;
For your brother, My most beloved friend, Lazarus,
Very soon will live again.“

Then He, the faithful Redeemer,
Made His way unto the tomb,
Where he cried unto him who was buried four days,
Calling him forth, saying „Lazarus, arise.“

Come with haste, ye two sisters,
And behold a wondrous thing,
For your brother from the tomb has returned to life.
To the beloved Redeemer now give thanks.

To Thee, O Lord of creation,
We kneel down in reverence profound,
For all we who are dead in sin,
In Thee, O Jesus, are made alive.

Quellen: