Die Beichte als Umkehr zum barmherzigen Vater

In der Beichte erfahren die Beichtenden die Nähe und Liebe Gottes auf besonders eindrucksvolle Weise und ähnlich intensiv wie beim Empfang der Hl. Kommunion. Denn es begegnet ihnen Gott als der barmherzige Vater, zu dem sie zurückkehren dürfen, unabhänig davon, wie große die Schuld ist, die sie auf sich geladen haben (vgl. Lk 15,11-32).

Die Beichte ist wie ein Gericht, bei dem Gott die Beichtenden immer frei spricht. Mehr noch ist sie eine geistliche Heil-Behandlung, bei der Gott uns von dem, was uns Leiden schafft – den Leidenschaften – befreien und uns als Sein Ebenbild (vgl. Gen 1) wiederherstellen will. Das Sündenbekennnis reinigt und entlastet uns; die Lossprechung befeit uns: die Buße hilft uns, uns von den Sündenverstrickungen zu entwöhnen; und die Gnade Gottes heilt uns.

Der Reihenfolge nach ist die Beichte im Grunde das erste Sakrament, das ein Christ empfängt. Denn zu der Zeit, in der überwiegend Erwachsene getauft wurden, bekannten sie vor ihrer Taufe ihre Sünden.
Dies führte zu der irrigen Ansicht, die Taufe an sich sei in hohem Maße sündenvergebend, weshalb sich auch mancher Kaiser erst auf dem Sterbebett taufen ließ.
In dem Exorzismus des Taufritus („Widersagst Du dem Bösen und all seinen Verlockungen?“ usw.), den bei einer Säuglingstaufe die Paten stellvertretend für den Säugling sprechen, scheint sein Buß- und Bekenntnischarakter noch auf.

Wo in der Bibel wird die Beichte erwähnte?
Der Finger von Johannes dem Täufer zeigt nicht anklagendend auf uns und unsere Sünden, sondern auf Christus, den Erlöser und Heiland.
Bild: Gemeinfrei. Isenheimer-Altar, Matthias Grünewald, 1512-1516, Colmaer

Wie alle Sakramente findet sich auch die Beichte in der Bibel. Drei entscheidende Belege lassen sic anzuführen:

  • In einer Zeit großer innerer Not und nationaler Zerrissenheit kamen Menschen zu Johannes der Täufer in die Wüste, um ihr Leben auf Gott hin auszurichten und um ihre Sünden zu bekennen: „So begann Johannes in der Wüste, taufte und verkündigte eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Und es ging zu ihm hinaus das ganze Land Judäa und die Bewohner von Jerusalem, und es wurden von ihm alle im Jordan getauft, die ihre Sünden bekannten.“ (Mk 1,4-5).
  • Jesus Christus selbst gab die Vollmacht, Sünden zu vergeben: „Und nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ (Joh 20,22-23)
  • Zu Zeiten der Apostel war das Bekennen der Sünden üblich: „Viele, die gläubig geworden waren, kamen und bekannten offen, was sie früher getan hatten.“ (Apg 19,18)
Warum muss ich bei einem Priester beichten und kann Gott nicht selbst um Sündenvergebung bitten?

Wie sich selbst niemand aus dem Sumpf ziehen kann, so kann niemand sich selbst die Sünden vergeben, auch nicht, wenn er Gott doch bittet. Denn wir taugen nicht als Richter in eigener Sache, weil wir mit uns meist entweder zu streng („Ich bin der größter Versager auf Erden!“) oder zu mild („Das war schon nicht so schlimm!“ oder: „Das tun andere doch auch“!) umgehen.

In Lauf der Kirchengeschichte hat die Beichte ihre Gestalt verändert. Die frühe Kirche kannte die öffentliche Beichte mit Teils sehr strengen Bußen und Kirchenausschluss für eine bestimmte Zeit oder sogar bis zum Lebensende.

Später hat es – besonders in Notfällen – auch die sog. Laienbeichte gegeben; d. h. die Beichte wurde bei jemandem abgelegt, der kein Priester war. Bis heute sind in der Orthodoxie auch geistlich begnadete Mönche und Nonnen gefragte Berater, um bei ihnen die persönlichen Probleme und Sorgen vor Gott zu tragen. Doch nur durch einen Priester schenkt Gott die Lossprechung (Absolution).

Literarisch ausgeschmückt hat Hermann Hesse in seiner Geschichte Der Beichvater am Ende seines Buches Das Glasperlenspiel eine Laienbeichte bei einem schweigsamen Einsiedler voller Gottes- und Nächstenliebe. Dazu wurde er vermutlich vom Buch seines Freundes Hugo Ball Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben (München: Kösel & Pustet 1931 [OA: 1927]) angeregt.

Wie soll ich mich auf die Beichte vorbereiten?

Als Vorbereitung auf die Beichte empfehlen sich allgemeine Gebete (und hier) oder auch der Buß-Akathistos.

Die zehn Gebote können bei der Rekapitulation der eigenen Sünden eine groß, ja, unerlässliche Hilfe sein:

Die 10 Gebote (nach orthodoxer Zählung) (Exodus 20, 1-17)

  1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!
  2. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!
  3. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen!
  4. Gedenke des siebten Tages und heilige ihn! Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun.
  5. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!
  6. Du sollst nicht töten!
  7. Du sollst nicht ehebrechen!
  8. Du sollst nicht stehlen!
  9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten!
  10. Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten Hab und Gut! Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Acker, nach seinem Sklaven, seinem Vieh oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört. 
Wie läuft die Beichte ab?

Der Ritus der Beichte (nach Sergius Heitz: Mysterium der Anbetung III)

Beichte und Absolution

Der Priester tritt, bekleidet mit dem Epitrachilion, zu dem für die Beichte bestimmten Platz vor der Ikonostase auf der Gottesmutterseite (d.h. im Norden). Er trägt Evangelienbuch (oder eine Christusikone) und Kreuz und legt diese auf ein Analogion vor sich hin. Er steht nach Osten gewendet, mit Blick auf eine Ikone.
Er macht drei Kleine Metanien, küsst das Evangelienbuch und das Kreuz und spricht nach dem Einleitungsgebet, nachdem der erste Beichtende herangetreten ist und Evangelienbuch und Kreuz geküsst hat:

Priester: Erbarme Dich unser, o Herr, erbarme Dich unser! Jeder Entschuldigung bar, bringen wir, Sünder, Dir, Gebieter, dieses Gebet dar: Erbarme Dich unser!

Der Büßende indes spricht beim Küssen von Evangelienbuch und Kreuz, indem auch er drei Kleine Metanien macht:

Beichtende/r: Gott, sei mir Sünder gnädig und erbarme Dich meiner! Der Du mich erschaffen hast, Herr, erbarme Dich meiner! Ohne Zahl sind meine Sünden, o Herr, vergib mir!

Dann spricht er neben dem Beichtvater stehend das Beichtbekenntnis, beispielsweise in folgender Art:

Beichtende/r: Ich bekenne vor Gott, dem Allmächtigen und Allgütigen, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, dass ich gesündigt habe in bezug auf das Gebot der Liebe zu Gott, der Liebe zu meinen Nächsten und der rechten Liebe zu mir selbst.
Ich habe gesündigt gegenüber Gott, da ich mich von der Liebe Gottes nicht habe ergreifen und verwandeln lassen und nicht in dieser Liebe geblieben bin, in festem Glauben und unablässigem Gebet.
Ich habe mein Tun, Reden und Denken nicht vom Glauben bestimmt sein lassen. Vom kirchlichen und täglichen Gebet habe ich mich abhalten und ablenken lassen; das Herzensgebet habe ich vernachlässigt… (usw.)
Ich habe gesündigt gegenüber meinen Nächsten durch Selbstsucht, mangelnde Offenheit, fehlende Hilfsbereitschaft… (usw.)
Ich habe gesündigt gegenüber meiner Bestimmung, in Glaube, Liebe und Hoffnung Gott entgegenzuwachsen, dadurch dass ich dem Hochmut, der Trägheit, der Ungeduld und der Herzenshärte in mir Raum gegeben habe… (usw.)
Ich sündige auch jetzt in diesem Bekenntnis, da ich meinen Zustand vor Gott nicht wahrhaft bereue und beweine, wie ich müsste, und nicht fest genug glaube an Seine Vergebung und Sein erneuerndes Kommen im Heiligen Geist.
Auf die Fürbitten der allheiligen Gottesgebärerin, des(r) heiligen N. N. (Patron der Kirche oder Namenspatron des Beichtvaters), des heiligen N. (eigener Namenspatron) und aller Heiligen, bitte ich den Herrn um Vergebung der Sünden und Erneuerung im Heiligen Geist.

Nachdem der Beichtvater die Ermahnungen beendet und gegebenenfalls eine seelsorgerliche Epitimie (Auflage/Buße) erteilt hat, spricht er:

Priester: Lasset zum Herrn uns beten!

Der Büßende kniet nieder und antwortet:

Beichtende/r: Kyrie eleison!  

Nun spricht der Priester das Absolutionsgebet in deprekativer Form, indem er dem Beichtenden das Epitrachilion aufs Haupt legt und darauf seine Hand hält und ein Gebet etwa folgender Art spricht:

Priester: Herr, unser Gott, Du hast dem David die Sünde nachgelassen, der Buhlerin die Tränen getrocknet, dem Petrus die Verleugnung verziehen, dem Räuber aber das Paradies geöffnet, Du Selbst lass nach und vergib Deinem Knechte N. / Deiner Magd N., was er /sie gesündigt in Gedanken, Worten, Werken und Unterlassungen, vereinige ihn / sie immer tiefer mit Dir, erneuere in ihm / ihr Deinen Heiligen Geist und gewähre ihm / ihr das ewige Leben.

Der Priester macht das heilige Kreuzeszeichen auf das Haupt des (der) Büßenden, während er die Ekphonese spricht:

Denn Dein ist es, Dich zu erbarmen und uns zu erretten, und Dir senden wir die Verherrlichung empor, sowie Deinem anfanglosen Vater und Deinem allheiligen und guten und lebendigmachenden Geiste, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der / die Versöhnte: Amen.

Der Priester hilft dem Versöhnten beim Aufstehen. Das ist symbolisch zu verstehen: er hilft ihm auf. Danach küsst der Versöhnte das Evangelium, das Kreuz, das Epitrachil und die Hand des Priesters. Der Priester seinerseits verbeugt sich vor dem durch den Heiligen Geist Erneuerten und entlässt ihn.  

Formel für den Fall, dass der Gläubige durch Auferlegung einer Epitimie für eine Zeit von der Kommunion ausgeschlossen wird:

Priester: Kind Gottes, so und so lange gebiete ich gemäß der göttlichen und heiligen Gesetze, die heilige Kommunion nicht zu empfangen, sondern nur das bei der Großen Weihe gesegnete Wasser zu trinken. Wenn du dich nun der heiligen Kommunion enthältst, so werden deine Sünden erlassen; wenn du aber das Gebot übertrittst und kommunizierst, so bist du ein zweiter Judas. Bist du aber krank auf den Tod, so kommuniziere. Wenn du aber gesund wirst, so nimm wieder die angeordnete Zeit auf dich und erfülle das verordnete Maß.

Literatur:
Metropolit Andrei von Klausenburg, der Maramuresch und Salaj: Beichte und Kommunion. Seelsorge und Lebensbegleitung durch Geistliche Väter in der orthodoxn Glaubenspraxis, Hermannstadt/Rumänien: Schiller Verlag 2020.
Priester Alexej Veselov (Hg.): Das Mysterium der Beichte in der Orthodoxen Kirche, Hagia Sophia Verlag.

Links:
https://orthpedia.de/index.php/Beichte
https://www.orthodoxe-kirche-albstadt.de/unser-glaube/die-beichte/

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