Rabula von Edessa (um 350 – 436)
(ܪܒܘܠܐ ܕܐܘܪܗܝ / رابولا مطران الرها)

Rabula von Edessa nach einer zeitgenössischen syrisch-orthodoxen Ikone

Gedenktag: in der byzantinisch-orthodoxen Kirche am 20. Dezember nach dem Minäon des Katharinen-Klosters; in der syrisch-orthodoxen Kirche am 17./19. Dezember, am 8. August und am dritten Mittwoch nach Ostern.

War Ephräm der Syrer, gestorben 373 in Edessa1, ein Heiliger der noch einen Kirche Syriens, gilt dies schon nicht mehr für Rabula2 von Edessa.

Denn bekanntlich wirkten sich die beiden ersten so großen wie gravierenden Kirchenspaltungen der Christenheit vor allem zunächst in Syrien aus: Nach dem Konzil von Ephesos (431) bildeten die Anhänger des Nestorius, der bis zu seinem forcierten Amtsverzicht immerhin Patriarch von Konstantinopel gewesen war, im Osten Syriens eine neue Kirche, die heute unter dem Namen Assyrische Kirche des Ostens bekannt ist. Die Gläubigen dieser Kirche werden etwas irreführend als Chaldäer bezeichnet (denn die heutigen Chaldäer sind überwiegend Angehörige der mit Rom unierten Chaldäisch-Katholischen Kirche) oder besser als Nestorianer.

Die zweite große Spaltung erfolgte bereits zwei Dekaden später, als im Jahr 444 nach dem Tod des Kyrills von Alexandrien, der der herausragende theologische Gegenpol des Nestorius gewesen war, die mit dem Konzil von Ephesus verbundenen dogmatischen Einigungen nicht mehr galten.
Es kam zum Konzil von Chalkedon (451), in dessen Folge als theologische Gegenbewegung zur nestorianischen assyrischen Kirche nun die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien entstand. Ihre Gläubigen werden – nach dem seinerzeit bedeutenden Bischof Jakob Baradai („der Zerlumpte“, + 578) – Jakobiten genannt.

Beide Kirchen – die nestorianische wie die jakobitische – spalteten sich von der ursprünglichen griechischen Reichskirche ab mit dem Zentrum Byzanz / Ostrom (Syr./Arab. Rum, weshalb sie rum-orthodox heißt), die heute noch in Syrien im Griechisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien fortbesteht und nun auch jenseits ihrer Ursprungsgebiet ihre überwiegend arabisch- und türkischstämmigen Gläubigen etwa in Europa oder in Nord- und Südaermika betreut.

Obwohl Rabula das Konzil von Chalzedon nicht mehr erlebte, wird er doch gerade in der Syrisch-Orthodoxen Kirche nicht bloß als Heiliger, sondern auch als großer Kirchenvater verehrt (vgl. Pinggéra 58f.). Jedoch markierte das Konzil nicht den Beginn sondern eher einen Endpunkt vorausgehender heftiger Kontroversen, die nicht immer bloß theologisch-diskursiv, sondern gelegentlich auch handfest unter Beteiligung der Bevölkerung geführt wurden (vgl. Pinggéra 57). Der theologische Streit war also zu Rabulas Lebzeiten entbrannt, und er fand sich inmitten der Auseinandersetzungen.

Wie Kyrill von Alexandrien dem Nestorius widersprach und aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten zu seinem Widersacher wurde, so stritt Rabula auf lokaler Ebene mit Theodor von Mopsuestia, der als Nestorius‘ Lehrer galt (vgl. Klein 17) und dessen Anhänger mit der sog. Schule der Perser ausgerechnet in Edessa, also im Herzen von Rabuls Metropolie, einen Hort hatten (vgl. Pinggéra 57).
Auch in der Nachbarschaft von Edessa fand Rabula in Bischof Andreas von Samosata einen weiteren Anhänger des Nestorius, mit dem er sich in dem erhaltenen und von Overbeck erstmals veröffentlichten Briefwechsel leidenschaftlich auseinandersetze.

Für seinen Einsatz wurde Rabula sogar von Kyrillos von Alexandrien gelobt, was in einem weiteren – teils fragmentarischen – Briefwechsel überliefert ist: „In der Diözese Oriens sei Rabbula eine Säule und Grundfeste der Wahrheit. Er ermutigte ihn, auch weiterhin die tödliche Krankheit des Nestorius zu vertreiben“ (Pinggéra 68).

Ein weiterer erhaltener Brief Rabulas ist an Gamallinos (Gamalinus bei Overbeck), seinen Amtsbruder und Bischof von Perrhae gerichtet. In ihm geht es um einen sonderbaren Missbrauch, dessen Kritik jedoch einen interessanten Blick auf Rabulas Eucharistieverständnis wirft. Darin kritisiert er einige Mönche, die sich zwar des Verzichts irdischer Speise rühmten, jedoch mehrfach am Tag die heilige Kommunion empfingen und dabei die verwandelten Gaben nicht nur in der Gestalt einer Unmenge von Brot konsumierten, sondern auch in ebensolchen Mengen gewandelten Weines.
„Es scheint, dass sich in diesen Kreisen die Eucharistiefeier mehr oder weniger in ein profanes Sättigungsmahl verwandelt hat. Wenn Rabbula gegen diejenigen, die sich von der Eucharistie »wie von gewöhnlichem Brot nähren«, nun das wahre Wesen der eucharistischen Gaben darlegt, zeigen sich vielfach Motive, die an Ephräm den Syrer erinnern.

Für Rabbula erneuert sich in der Eucharistie das Wunder der Inkarnation, wenn sich der Logos mit den Elementen von Brot und Wein verbindet. Wie bei Ephräm ist diese Speise nicht nur zur Sühne und Heiligung gegeben, sie schenkt uns Gottes Geist und ewige Lebenskraft. Durch die Eucharistie sei »Gott in uns durch seinen Geist, wie wir in ihm sind durch unseren Leib« (Vita: ed. Overbeck 1865, 234, Z. 20f.).
Wie sehr dieses von sakramentalen Realismus gekennzeichnete Eucharistieverständnis Rabbulas Denken bestimmt hat, verrät nicht zuletzt die Begründung, mit der er seinen Gläubigen den Besuch der Zirkusspiele untersagt hat. Dabei zuzuschauen, wie Menschen von wilden Tieren gefressen werden, komme für die Christen nicht in Frage, weil sie »gläubig den Leib Gottes essen und sein Blut trinken« (Vita: ed. Overbeck 1865, 179, Z. 26f.)“ (Pinggéra 62f.)

Auch hat sich Rabula durch Reformen in die Geschichte eingeschrieben. Sie finden ihren Ausdruck in 59 Kanones, die sich an die Priester sowie an die „Bundersöhne und -töchter“ richteten, die als etablierter Stand in der syrischen Kirche zwischen Klerus und Mönchtum anzusiedeln sind.
Ihnen allen rät Rabula, sie sollten nicht mehr als nötig besitzen:
„Der Rest sei an die Armen zu spenden (can. 24). Die Priester dürfen niemandem Abgaben auferlegen; kirchliche Belange sollen ausschließlich durch freiwillige Spenden bezahlt werden (can. 6 und 8). Selbst für den Bischof sind von den Laien keine Abgaben zu erheben, wenn er ein Dorf besucht (can. 7). Die Sorge für die Armen und die Aufgabe, den Unterdrückten zu ihrem Recht zu verhelfen, werden den Priestern in besonderer Weise aufgetragen (can. 11 und 12). Es liegt ganz auf dieser Linie, wenn die Vita berichtet, Raubbula habe das silberne Geschirr, von dem die Kleriker speisten, zu Gunsten der Armen verkauft und durch einfaches Tongeschirr ersetzt“ (Pinggéra 61f.).

„Rabbūlās erste Tat am Anfang seines Episkopats war, die goldenen und silbernen Geräte der Kirche zu veräußern und das Geld zur Ernährung der Armen zu benutzen.“

(Vita Rabulae, Oxonii 1865, 174; zitiert nach Oriens Christianus 44/1960, 40)3

Die historischen Quellen über Rabbula sind durch die theologischen Auseinandersetzungen um Nestorius je nach Lager stark gefärbt. Dies trifft umso mehr zu, als Ibas, Rabbulas Nachfolger auf der bischöflichen Kathedra von Edessa, die er nur unter Tumulten einnehmen konnte (vgl. Pinggéra 57), als Anhänger des Nestorius genau gegenteilige Vorstellungen zu seinem im Jahr 435 oder 436 verstorbenen Vorgänger vertrat.
Doch hat wohl ein Schüler Rabbulas vermutlich noch in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts eine Vita verfasst, die „nicht vorschnell ins Reich tendenziös-unhistorischer Übermalung“ verwiesen werden sollte – „zumindest für die Zeit vor seiner Erhebung zum Bischof […] Über sein Wirken als Bischof stehen uns dann auch Rabbulas eigene Werke zur Verfügung“ (Pinggéra 59).

Es ist Overbeck zu verdanken, dass er beides – Werke wie Vita – mit seiner Edition zum ersten Mal veröffentlich hat. Durch die Vita lernt der Leser Rab(b)ula von seiner Geburt im Jahr 350 in Kenneschrin4 bis zu seinem Tod kennen, wobei er darin bewusst als vorbildlicher Bischof und Asket, „ja als alter Christus“ (Pinggéra 59) stilisiert wird, der als skeptischer Heide zum Glauben fand, nachdem er Zeuge mehrerer Wunder – auch eines an sich – geworden war.

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Anmerkungen:

1 Bei Edessa, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt in Nord-Griechenland, handelt es sich um das heutige südtürkische Şanlıurfa, auch schlicht Urfa genannt (auf Arabisch الرها ar-Ruhā; Armenisch Ուռհա Urha; Kurdisch رها Riha; Aramäisch ܐܘܪܗܝ Urhoy), rund 55 km von der Grenze zu Syrien entfernt.
2 Die Schreibweise „Rabula“ folgt Julian Joseph Overbecks erster gedruckten Ausgabe der Werke Rabulas aus dem Jahr 1865 und der ersten Übersetzung ins Deutsche durch G. Bickell im Jahr 1874, doch hat sich in der heutigen Literatur überwiegend die Schreibweise „Rabbula“ eingebürgert.
Das sog. Rabbula-Evangeliar stammt dagegen von einem Schreiber gleichen Names aus dem 6. Jh. und hat dementsprechend nichts mit Rabula von Edessa zu tun.
3 Ganz im Gegensatz dazu heißt es in dem Panegyrikus auf Rabulas von einem gleichzeitigen Edessener:
„Er beabsichtigte sogar die goldenen und silbernen Altargefäße aus den Kirchen verkaufen zu lassen und ihren Werth den Armen zu geben, indem er sagte: „Es ist offenbar für die Verständigen, daß kostbare Altargeräthe von Gold und Silber nichts Besonderes zur Verherrlichung Gottes beitragen, sondern daß der Geist Gottes an reinen Herzen Wohlgefallen hat und sein Wille durch Vernachlässigung dieser verachtet wird.“ Doch stand er auf Bitten Vieler von der Ausführung dieses Planes ab, weil die Gefäße Gaben von verstorbenen Vorfahren waren, welche dieselben zum Heile ihrer Seelen Gott dargebracht hatten.“ (BKV 38, 178)
4 Auch Qenneschrin geschrieben oder Qenneshren, Qinshren, Qinnashrin und Qinnasrin. Eine untergegangene antike Stadt 25 km südwestlich von Aleppo. Auf Arabisch قنسرين, Syrisch ܩܢܫܪܝܢ, Griechisch Χαλκὶς und Lateinisch Chalcis ad Belum. Auf Deutsch bedeutet der Name Adlerhorst.

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Quellen:

BKV 38 = Ausgewählte Schriften der syrischen Kirchenväter Aphraates, Rabulas und Isaak von Ninive. Zum ersten Male aus dem Syrischen übersetzt von Dr. Gustav Bickell, Kempten 1874.
Assemani, Giuseppe Simone (Arabic: يوسف بن سمعان السمعاني‎ Yusuf ibn Siman as-Simani, English: Joseph Simon Assemani, Latin: Ioseph Simonius Assemanus), 1687-1768: Bibliotheca Orientalis Clementino-Vaticana in qua manuscriptos codices Syriacos, Arabicos, Persicos, Turcicos, Hebraicos, Samaritanos, Armenicos, Aethiopicos, Graecos, Aegyptiacos, Ibericos, et Malabaricos, jussu et munificentia Clementis XI Pontificis Maximi ex Oriente conquisitos, comparatos, et Bibliotecae Vaticanae addictos Recensuit, digessit, et genuina scripta a spuriis secrevit, addita singulorum auctorum vita, Joseph Simonius Assemanus, Syrus Maronita (Rome, 1719–1728), vol. I, Romae 1719.
ders.: Ephraemi Syri opera omnia quae extant, Gr., Syr., et Lat., 6 vols. folio (Rome, 1737–1746).
Blum, Georg Günter: Rabbula von Edessa – Der Christ, der Bischof, der Theologe, Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium 300, Subsidia 34, Louvain 1969.
Friedl, Alfred: Ephräm der Syrer, in: W. Klein (Hg.), 36-56.
Klein, Wassilios: Einleitung, in: Klein, W. (Hg.): Syrische Kirchenväter, a. a. O., 13-30.
ders. (Hg.): Syrische Kirchenväter, Stuttgart: Kohlhammer 2004.
Landersdorfer, Simon Konrad OSB: Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter (= BVK 6, s. o.)
Overbeck, Julian Joseph: S. Ephraemi Syri, Rabulae episcopi Edesseni, Balaei aliorumque opera selecta e codibus Syriacis manuscriptis in Museo Britannico et Bibliotheca Bodleina asservatis primus ed. J. Josephus Overbeck, Oxonii: E typographeo Clarendonian 1865.
Pinggéra, Karl: Rabbula von Edessa, in: W. Klein (Hg.), 57-70.