„Gott heilt die zerbrochenen Herzen und verbindet ihre Wunden“ (vgl. Ps 147,3)
Das Wichtigste im Überblick:

- Seelsorge nach orthodoxem Verständnis ist der göttliche Auftrag der Kirche, in der Begegnung mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen alle Seele zu heilen, die durch den Kampf mit den Leidenschaften verwundet und von Gott abgekehrt sind. Das heißt auch Orthodoxe Psychotherapie (Seel-Sorge; Seelen-Behandlung).
- Der hl. Johannes Cassian nennt acht Leidenschaften, die uns immer wieder großes Leiden schaffen und unsere Seele verwunden:
1. Völlerei (Übermaß an Ernäherung weiter über das Notwendige hinaus),
2. Unzucht (Übermaß an fehlgeleiteter Sexualität),
3. Habsucht (übermäßige Anhänglichkeit ans Materielle und seine Anhäufung; Statussymbole),
4. Zorn (ungerechter Zorn und Verlust der Selbstbeherrschung),
5. Traurigkeit (die die Schönheit der Schöpfng nicht mehr erkennt),
6. Überdruss (Lustlosigkeit, die den Blick für den Andern verschließt),
7. Eitelkeit (narzistische Selbstbespiegelung) und
8. Stolz. - Der hl. Isaak der Syrer nennt die Leidenschaften die „Gebrechen oder Krankheiten der Seele“, denn sie machen uns geistlich und oft dazu körperlich krank. In ihrem Übermaß zerstören sie sowohl unsere Beziehung zu Gott als auch uns als Person und unsere sozialen Bindungen wie Ehe, Familie und Freundschaft.
- Der erste Weg zur Heilung ist die eigene Einsicht in die Abkehr und Umkehr (Metanoia) von dem, was uns Leiden bereitet, voraus.
- Wir Kranke werden mit Gottes Gnade auf dem Weg zur Heilung geführt durch Reinigung (Katharis) von den Leidenschaften, Erleuchtung (Photisis) durch die Sakramente und, so Gott will, Wiederherstellung (Theosis) des Menschen als Ebenbild Gottes.
- Meist sind es erfahrene und von Gott begnadete (= im tatsächlichen Sinn des Begriffs „charismatische“) Menschen (Priester, Mönche oder Nonnen, Laien), die diesen Weg selbst jahrelang gegangen sind und immer wieder Heilung erfahren haben, die die uns auf unserem Weg zur Heilung anleiten können.
- Daher sind Spezialisten der Heilung – erfahrene Seelen-Ärzte und -Ärztinnen – oft in Klöstern zu finden. Aber es gibt auch erfahrene geistliche Heiler in der Welt.
Die Kirche als geistliche Heil-Anstalt
Der Begriff Psycho-Therapie ist hier wörtlich zu nehmen und mit Seel-Sorge oder Seelen-Heilung zu übersetzen. Denn der einzige Auftrag der Kirche durch Gott ist es, die verwundeten Seelen der Menschen zu pflegen, mit Blick auf den Heiland zu heilen und durch die Begegnung mit dem Erlöser zur Erlösung zu bringen.
Dies geschieht mittels der Sakramente als Medikamente (allerdings nicht mechanisch-automatisch!). Sie führen den Menschen auf den dreifachen Weg der Umkehr (Metanoia) von dem, was Leiden schafft (den Leidenschaften, unter denen er letztlich sehr leidet).
Durch …

- Reinigung (Katharsis) durch Reue sowie Umkehr zu Gott und die Erfahrung Seiner großen Liebe in der Beichte;
- Erleuchtung (Photisis), die mit der Taufe (Gr. photismos) sowie Myronsalbung/Firmung beginnt und die Gott im wiederholten Empfang der Sakramente schenkt;
- Wiederherstellung der paradiesischen Ebenbildlichkeit mit Gott (Theosis), wie sie sakramental für den Moment geschieht, wenn wir Gott in der Hl. Eucharistie im „Tempel unsere Leibes“ (vgl. 1 Kor 6,19) aufnehmen.
Dies wiederholt sich meist ein Leben lang immer wieder, ja im Kleinen tagtäglich. Wer sich am Ziel wähnt, wird auf den Anfang gesetzt. Denn kaum etwas hindert die geistliche Entwicklung mehr als Stolz auf das Erreichte, verbunden mit der Überzeugung, es sei das eigene Verdienst und nicht Sein gnadenhaftes Geschenk.
Die Kirche ist somit eine Heil-Anstalt mit dem Ziel der Theosis (wörtl.: „Vergöttlichung“), nämlich der Wiedererlangung des durch den Sündenfall verlorenen Wie-Gott-Seins (vgl. Gen 1,27).
Orthodoxe Psychotherapie
Ein Klassiker der orthodoxen Seelsorge ist das Buch Orthodox Psychotherapy (Originaltitel: Ὀρθόδοξη Ψυχοθεραπεία) von Metropolit Hierotheos (Vlachos) von Navpaktos. Der Autor gehört zu den führenden orthodoxen Theologen Griechenlands und ist auch auf ethische Fragen spezialisiert.
Ihm geht es um die ganzheitliche Gesundheit von Leib und Seele, um Heil wie Heilung. So gehörte er u. a. zu den ersten Bischöfen, die sich in Griechenland zum Umgang mit dem SARS-CoV2-Virus äußerten und sich impfen ließen.
Metropolit Hierotheos stellt in dem Buch zugleich den Hesychasmus dar, dem es um ein beständiges Ruhen (= Gr. hesychía, wovon der Begriff Hesychasmus abgeleitet ist) in der Gegenwart Gottes geht und der im 14. Jh. starke Kontroversen hervorrief. Eines seiner wichtigsten Quellen „empirischer Dogmatik“, also gelebten Glaubens, sind die in mehr als tausend Jahren errungenen Erfahrungen von Mönchen und Asketen, die zu den Büchern der Philokalie geronnen sind.
Heute jedoch ist der Hesychasmus – etwa dank der als bedeutende geistliche Ratgeber wirkenden Altväter (Russ. Stareze oder Gr. Gerontas) Siluan, Sophronij, Theophan dem Klausner, Paisios vom Athos u. a. – der charakteristische Ausdruck orthodoxer Frömmigkeit.
In diesen Zusammenhang gehört das auch im Westen bekannt gewordene Jesus- oder Herzensgebet, das als „Gebet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17) ein ständiges noetisches Beten des Verses „Herr, Jesus Christus, erbarme Dich meiner“ (vgl. Lk 17,13) ist; dabei hilft die rosenkranzartige Gebetskette (Gr. komboskini, Russ. tschotki).
Eine deutsche Übersetzung des Buches soll, so Gott will, bald erscheinen.
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Zitate aus Metr. Hierotheos‘ Buch Orthodoxe Psychotherapie (in deutscher Übersetzung):

Das Christentum ist keine Religion, sondern eine Heil-Behandlung
Metropolit Hierotheos zitiert den bekannten griechischstämmigen, aber zuletzt in den USA lehrende Priester und Theologieprofessor John Romanides, der sagte:
„Der Glaube an Christus, der sich nicht der Heilung durch Christus unterzieht, ist überhaupt kein Glaube. Das Vertrauen in einen Arzt, ohne sich der von ihm angeordneten Kur zu unterziehen, wäre genau dieselbe Art von Widerspruch dem Begriff nach. Wenn das prophetische Judentum und sein Nachfolger, das Christentum, im 20. Jahrhundert erschienen wären, wären sie vielleicht nicht als Religion bezeichnet worden, sondern als medizinische Wissenschaft ähnlich der Psychiatrie mit dem Auftrag, in der Gesellschaft verschiedene Arten von Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen zu behandeln. Auf keine Weise hätten sie mit Religionen verwechselt werden können, die mit vielen magischen Praktiken und Glaubenssätzen eine Flucht vor der vermeintlich materiellen Welt des Bösen oder vor falschen Vorspiegelungen in eine vermeintliche Welt der Sicherheit und des Glücks versprechen.“
An anderer Stelle präzisiert er Prof. Romanides: „Die patristische Tradition ist weder eine Sozialphilosophie noch ein ethisches System, noch ist sie ein religiöser Dogmatismus: Sie ist eine Heil-Behandlung. In dieser Hinsicht ist sie nah an der Medizin, speziell der Psychiatrie“.
Prof. J. Romanides, zitiert nach: Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 35.
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Es gibt nur Kranke und Geheilte
Prof. Romanides schreibt: „Die Väter teilen Menschen nicht ein in moralisch und unmoralisch oder gut und schlecht auf der Basis des Moralgesetzes. Eine solche Unterteilung ist oberflächlich. Die breite Menschheit ist unterteilt in an der Seele Kranke, solche, die behandelt werden, und solche, die geheilt sind. Alle, die nicht im Zustand der Erleuchtung sind, sind in der Seele krank […]
Es sind nicht der gute Wille, gute Lösungen, moralisches Handeln und Verehrung der orthodoxen Tradition, die einen Orthodoxen ausmachen, sondern Reinigung, Erleuchtung und Verherrlichung. Diese Stadien der Behandlung sind der Zweck des sakramentalen Lebens der Kirche, wie die liturgischen Texte bezeugen.““
Prof. J. Romanides, zitiert nach: Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 36.
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Die Theologie der Heilung
„Die Medizin hat den gesunden Menschen im Blick, wenn sie versucht, den Kranken durch verschiedene therapeutische Methoden zur Gesundheit zu führen.
Das Gleiche gilt für die Theologie. Theologie ist die Lehre der Kirche von Gott und darüber, wie der Mensch Gott begegnen wird, wie er geheilt werden kann.
Deshalb legen wir Orthodoxe großen Wert darauf, die Lehre unversehrt zu halten, nicht nur weil wir die Beeinträchtigung einer Lehre fürchten, sondern weil wir die Möglichkeit einer Heilung und damit des Heils verlieren könnten.“
Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 47.
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Der erfahrene Priester als Heiler
„Viele zeitgenössische Christen betrachten Priester als Diener Gottes und als kirchliche Beamte, die bei verschiedenen bürokratischen Angelegenheiten behilflich sind, die die verschiedenen Sakramente spenden, wenn sie gebraucht werden, oder die Göttliche Liturgie feiern und auf diese Weise das Bedürfnis der Seelen befriedigen oder einen traditionellen Dienst ausüben können.
Sie werden als Zauberer betrachtet, die Magie bewirken! Wir wissen jedoch, dass die Gnade Gottes nicht magisch oder mechanisch übertragen wird, sondern sakramental. Es ist wahr, dass auch ein unwürdiger Priester Sakramente spenden kann, aber er kann nicht heilen.
Die meisten Christen begnügen sich mit einer formalen Beichte oder einem formalen Besuch der Liturgie oder sogar mit einer formalen Teilnahme an der Heiligen Kommunion und mit nichts weiter. Sie gehen nicht zur Heilung ihrer Seelen über.
Aber die Priester, die geistlichen Väter, feiern nicht nur die Sakramente, sondern sie heilen die Menschen. Sie haben ein fundiertes Wissen über den Weg der Heilung von den Leidenschaften, und sie machen es ihren geistlichen Kindern bekannt. Sie zeigen ihnen, wie sie aus der Gefangenschaft befreit werden können, wie ihr Nous aus der Sklaverei der Leidenschaften befreit wird.„
Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 49.
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Nur der geheilte Priester-Arzt kann heilen
„In seinem Gespräch mit Basilios bittet der hl. Johannes Chrysostomos ihn, nicht daran zu zweifeln, dass er Christos zwar liebe, aber Angst habe, durch die Übernahme des geistlichen Amtes einen Skandal zu provozieren, „da die Schwäche meiner Seele mich für dieses Amt untauglich macht“ [Über das Priestertum III,7].
Die große Reinheit seiner Gedanken und Gefühle ließ ihn spüren, dass die ihn Schwäche seiner Seele für dieses große Amt untauglich machte. Denn in der Tat hindern einen Priester seine ungeheilten Leidenschaften daran, bei der Heilung seiner geistigen Kinder zu helfen, wie wir später feststellen werden.“
Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 65.
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Bischof und Priester dienen der Heilung
„Der Priester und der Bischof haben die große Ehre zu dienen, die in erster Linie darin besteht, zu heilen. Die Kirche existiert nicht einfach, um Sozialarbeit zu leisten und die sozialen Bedürfnisse der Menschen zu bedienen, sondern um sie zum Heil, also zur Heilung zu führen.
Diese Arbeit erfordert, dass der Priester viele Qualitäten hat. Er muss von der ungeschaffenen Gnade Gottes bewohnt sein. Er ist nicht nur da, um die Sakramente zu spenden, sondern auch, um durch sie geheiligt [sc.: der Kontext ist hier die Theosis, zu der alle Gläubigen berufen sind] zu werden, damit er, geheiligt, den Menschen helfen kann.
Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 87.
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Der Weg der orthodoxen Heil-Behandlung
„Die Methode der orthodoxen therapeutischen Behandlung und die orthodoxe Selbsterkenntnis bestehen darin, den Nous nicht durch syllogistische, analytische und trennende Methoden demütig und arglos zu machen, sondern durch schmerzhafte Reue und eifrige Askese, wie Gregorios Palamas sagt […]
Auf diese Weise erlangen wir eine Erkenntnis unserer inneren Welt nicht durch die Vernunft, sondern durch Wachsamkeit, Läuterung des Nous, asketisches Leben und Reue. In dem Bemühen, seinen Nous rein zu halten, wird sich der Mensch seiner inneren Probleme bewusst, er entdeckt die Leidenschaften, die in ihm herrschen […]
Als geistliche Väter begegnen wir den Menschen mit Liebe. Wir legen Charakterisierungen und Vorstellungen beiseite und beten, dass Gott uns das wirkliche Problem eines Menschen offenbart und uns leitet, ihm die richtige therapeutische Behandlung zu geben. Jeder Einzelne interessiert uns besonders.
Auf diese Weise vermeiden wir es, denjenigen, dessen Seele krank ist, zu verurteilen sowie Menschen in Kategorien einzuordnen, und versuchen stattdessen, eine wirklich persönliche therapeutische Behandlung anzubieten.“
Metropolit Hierotheos von Navpaktos: Orthodox Psychotherapy, 199f.
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